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"Wir wollen die Kinderquäler kriegen!"

Abgrund Kindesmissbrauch: Wie Carsten Hambloch und Manuela Fischer in der BAO Berg ermitteln
"Wir wollen die Kinderquäler kriegen!"
Der neue Job. Carsten Hambloch hat gewusst, dass er in Abgründe schauen wird. In schwarze Seelen. In alles, was Menschen sich gegenseitig antun können: sogar Eltern den eigenen Kindern. Dass er Chats und Fotos sieht, die man kaum aushalten kann, und dann die Videos, diese Videos … Er ist trotzdem ins Kommissariat 13 der Kripo Köln gewechselt, Schwerpunkt Kinderpornografie. Warum? „Wir wollen die Kinderquäler kriegen“, sagt seine Chefin, Kriminaloberkommissarin Manuela Fischer. Besuch in der Ermittlungskommission „BAO Berg“, die ausgehend von einem Fall in Bergisch Gladbach seit neun Monaten ein Netz von Pädokriminellen in ganz Deutschland aufdeckt.
Streife-Redaktion

Ist er mal an seine Grenzen gekommen? Kriminalkommissar Carsten Hambloch (32) muss nicht lange überlegen: „Bislang nicht, aber mein erster Tag bei der BAO Berg hat sich in meinem Gedächtnis eingebrannt.“ Es war Ende Oktober. Zehn Tage vorher hatten die Kollegen aus Bergisch Gladbach Jörg L. festgenommen, 43 Jahre, Koch, ein scheinbar ganz normaler Nachbar und Familienvater, Haus in einer ruhigen Wohnsiedlung. Die Polizei Kassel war aufgrund eines Hinweises der in den USA ansässigen NCMEC (https://www.missingkids.org) auf L. aufmerksam geworden und hatte das Verfahren über die Justiz an Bergisch Gladbach abgegeben. Mit Übertragung der landesweiten Zuständigkeit an das Polizeipräsidium Köln startete Hambloch mit Ermittlungen, die er wohl nie vergessen wird.

 

Am schlimmsten sind Bewegtbilder. Wenn Kinder weinen.

Er klickte auf den Button „Video“ und sah den Mann mit seiner Tochter, erst wenige Monate alt. Was er dann sah, beschreibt er als „widerlich“. Das, was heute noch Ekel bei ihm auslöst, kann der Kriminalkommissar wegen des noch laufenden Verfahrens nicht im Detail schildern. Sieben Terabyte Daten haben die Ermittler bei der Hausdurchsuchung gefunden. Allein auf dem Handy von L. waren Unmengen an Videos und Fotos gespeichert, von eindeutigen Chats gar nicht zu sprechen. Nachdem sie das Video gesehen hatten, wussten alle im Team, was sie wirklich erwartet. Keine Zahlen. Schicksale. Abgründe.

Das Kind ist jetzt drei Jahre alt. Die Filme hat der gelernte Koch im Netz geteilt. Für Freunde. Die revanchierten sich mit Kinderpornos von ihren Töchtern und Söhnen: eine riesige Kinderschänder-Community, die auf verschlüsselten Kanälen über ihre Vorlieben plauderte, Reizwäsche in Babygröße tauschte, Sex-Orgien plante – im Schwimmbad, an Wickeltischen, auch per Live-Stream. Manche begrüßten sich nach dem Aufstehen mit: „Guten Morgen, Kinderficker.“ Eine Gruppe hatte allein 1.800 Teilnehmer. Sie wähnte sich in Sicherheit. Noch.

Wenn Hambloch an die Zeit nach der Festnahme denkt, fällt ihm nur ein: „Ich war total on fire. Ich wollte helfen, die Kinder aus den Fängen ihrer Peiniger zu holen.“ Zwei Monate vorher war er vom Streifendienst ins Fachkommissariat Sexualdelikte im Kölner Polizeipräsidium gewechselt. Und nun: Großlage wie bei einem Terroreinsatz. Im Führungsstab im fünften Stock koordinierte der Stab der „Besonderen Aufbauorganisation Berg“ die Ermittlungen gegen Pädokriminelle im ganzen Land. In der ersten Hochphase waren 350 Beamte in elf Kreispolizeibehörden im Einsatz. Carsten Hambloch und seine Kollegen waren die „Schnüffler“ im Team. Sie durchforsteten fieberhaft die Daten nach jedem noch so kleinen Hinweis, um den getarnten Tätern ein Gesicht, einen Namen zu geben. Das tun sie bis heute.

Wer steckt hinter welchem Spitznamen. Wo wohnt er? Verrät er vielleicht irgendwo sein Alter, die Namen der Kinder, seinen Beruf? Jede Information ist ein Puzzlestück und wenn das Puzzle fertig ist, läuft eine riesige Maschinerie an.

Anruf in der Stabsstelle: „Wir haben eine erfolgreiche Identifizierung.“ Die Kollegen dort fragen zuerst: Gibt es einen Gefahrenüberhang? Das heißt: Sind Kinder in Gefahr? Dann schlagen sie sofort zu – egal wo. Per Videoschalte werden die Details mit der zuständigen Kriminalhauptstelle besprochen. Lebt ein Verdächtiger in einem anderen Bundesland, werden Festplatten und Akten auch mal per Hubschrauber hingeflogen. Bei solchen Datenmengen geht das schneller als über eine sichere Datenleitung. Auch die Staatsanwälte der Zentralen Ansprechstelle Cybercrime (ZAC) in Köln sind von Anfang an immer dabei. Reichen die Beweise, beantragt die ZAC beim zuständigen Gericht Durchsuchungen oder auch direkt Haftbefehle.

Es ist das große Besteck des Rechtsstaats, seine Antwort im 21. Jahrhundert auf Täter, die sich virtuos im Virtuellen bewegen, schneller, besser getarnt, raffinierter als in den alten Zeiten, vor dem Internet. Die Täter haben aufgerüstet, nun muss der Staat nachrüsten. Und das tut er jetzt auch.

 

Die Aufmerksamkeit der Bevölkerung tut gut.

Wie aber kann man als Polizist so viel „Widerliches“ ertragen? „Die Aufmerksamkeit der Bevölkerung tut gut. Mich spornt das Gefühl an, dass ich mit meiner Arbeit für Gerechtigkeit sorge, dass wir den schwächsten Gliedern in der Gesellschaft helfen“, sagt Manuela Fischer (35). Sie leitet die Auswertung im Einsatzabschnitt Köln. Vor vier Jahren ist sie eher zufällig im KK 13 gelandet.

„Am schlimmsten sind Bewegtbilder. Wenn Kinder weinen, Mama rufen“, sagt sie. Trotzdem klickt sie kein Video weg. Es könnte ja Hinweise enthalten. „Das ist meine Arbeit, alles drum herum versuche ich auszublenden.“

Bergisch Gladbach, Kamp-Lintfort, Viersen, Krefeld, Düsseldorf, Dortmund, Lünen, Duisburg, Coesfeld … Bis Ende Mai ging es bei der Identifizierung von Verdächtigen Schlag auf Schlag – in Nordrhein-Westfalen, aber auch in anderen Bundesländern. Das Netz der Pädokriminellen macht vor Ländergrenzen nicht halt. Die Beamten haben bereits 44 Opfer im Alter von drei Monaten bis 14 Jahren befreit. Doch die Jagd wird schwieriger. Die Täter kommunizieren über Apps, die heutzutage mit PIN gesichert sind und Daten verschlüsselt übertragen. Das macht es schwer.

 

Solche Datenschutzprogramme spielen den Tätern in die Hände.

Jörg L. hatte so eine App von Threema. Das Schweizer Unternehmen verspricht seinen Kunden „Sicherheit und Privatsphäre“ und rückt keine IP-Adresse raus – nie. „Solche Datenschutzprogramme spielen den Tätern in die Hände“, sagt Manuela Fischer. Es dauert mitunter Monate, um die PIN zu knacken. Im Fall Jörg L. hatten sie Glück. Er kam gerade mit der Familie aus dem Urlaub, alles schien ganz normal. Doch eine Kommissarin in Bergisch Gladbach traute dem Frieden nicht. Sie hat selbst zwei Kinder. Es war ein Bauchgefühl. Nach der Durchsuchung schickte sie die Handys zum LKA, das die Daten einlas und vorsortierte. Höchste Priorität! Am nächsten Tag war der Code geknackt, weil er so einfach war. Sie kamen direkt auf die Missbrauchsfotos. Die Jagd begann.

Wie viele Stunden er im November gearbeitet hat? Carsten Hambloch weiß es nicht: „Ich konnte nicht mehr aufhören.“ Auch Manuela Fischer hat oft nachts um eins noch vor dem Rechner gesessen. Einmal war sie so müde, dass sie in die falsche Bahn gestiegen ist. „Aber wer das hier sieht, will nur eins: die Kinder befreien“, sagt sie.

Am Anfang gab es leichte, schnelle Erfolge. So ist das meistens. Die Unvorsichtigen hatten WhatsApp benutzt, damit ist immer eine Handynummer verknüpft. Oder sie hatten andere digitale Spuren hinterlassen, die Ermittlungsansätze boten.

Ende Oktober wird in Kamp-Lintfort Ex-Soldat Bastian S. (27) verhaftet. Inzwischen rechtmäßig verurteilt: zehn Jahre Haft, anschließende Sicherheitsverwahrung.

Am 5./6. November gehen in Krefeld und Viersen zwei 39-Jährige in U-Haft. Anklage: sexueller Missbrauch in 79 Fällen.

Am 9. November erlässt das Amtsgericht Aachen einen Haftbefehl gegen Manfred K. (57) in Alsdorf bei Aachen. Das Technische Hilfswerk muss die vermüllte Wohnung leerräumen. Spürhunde finden Datenträger zwischen Bergen von Abfall.

 

Wir waren die Detektive, die Mister X jagen.

„Es war wie bei Scotland Yard. Wir waren die Detektive, die Mister X jagen“, erzählt Hambloch. Er hat manchmal nur sechs Stunden geschlafen, dann ließ er wieder Tarnungen auffliegen, zum Beispiel von dem Mann, der sich „Hobbit“ nannte. Er tauschte in einem Threema-Chat Bilder von missbrauchten Kindern wie Briefmarken. Der Hobbit fühlte sich sicher. Sie haben ihn trotzdem geschnappt.

Gestern sind sie umgezogen: helles Büro, drei große Schreibtische, auf jedem vier Bildschirme, Docking-Stations für externe Festplatten. Sie bekommen noch mehr Verstärkung. Heute arbeiten landesweit viermal so viele Ermittler im Bereich Kindesmissbrauch wie noch vor einem Jahr. In Köln hat man deshalb das KK 13 eingerichtet, in dem ausschließlich Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern und der Kinderpornografie bearbeitet werden. Das landesweit erste Kommissariat dieser Art hat am 1. Juli die Arbeit aufgenommen.

Im Flur stehen noch die Pappkartons, doch 50 Passbild-Gesichter hängen schon: Verdächtige. Was wie ein Spinnennetz aussieht, nennen die Ermittler Netzwerkvisualisierung. Es führt ihnen vor Augen, wer mit wem zu tun hat. Feine Striche verbinden Männer, die Brillen tragen, Sweatshirts, manche ein Business-Hemd. Wüsste man es nicht besser, würde man fragen: Warum hängen die hier?

 

Kindesmissbrauch ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Familienväter, Großväter, Onkel, Jugendleiter … viele wohnen in Einfamilienhäusern, pflegen ihre Gärten, grillen mit den Nachbarn. Kriminaldirektor Michael Esser (52) sagt: „Kindesmissbrauch ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen.“ Nach neun Monaten als Leiter der BAO Berg und knapp 150 Identifizierungen später fügt er hinzu: „Für mich sind das skrupellose, triebgesteuerte Verbrecher.“

Esser leitet in der Alltagsorganisation die Kriminalinspektion Staatsschutz. Da hieß es: „Köpfungsvideos machen die Seele krank.“ Esser sagt: „Kinderpornografie auch. Schon in der zweiten Woche nach Übernahme der Ermittlungen habe ich deshalb einen eigenen Einsatzabschnitt für die Betreuung der eingesetzten Kolleginnen und Kollegen einrichten lassen.“ Psychologen und Polizeiseelsorger sind ganz eng eingebunden. Niemand arbeitet allein. Im Team wird schnell klar, wer angeschlagen ist oder sich verändert. Es gibt Gruppengespräche, Supervisionen, Seminare zur Stressbewältigung. Trotzdem sind drei Kollegen dauerhaft erkrankt.

Seit der Polizeipräsident Esser gefragt hat, ob er die BAO Berg leiten will, ist viel passiert.

Inzwischen arbeitet die NRW-Polizei in einer Art virtuellem Großraumbüro. Heißt: Alle Kreispolizeibehörden sind untereinander und auch mit dem Landeskriminalamt vernetzt. Videokonferenzen sind Alltag und ermöglichen schnelle Entscheidungen. Und weil es einen gemeinsamen Datenpool gibt, kommen Doppelauswertungen nicht mehr vor. Bei der BAO Berg hat sich der neue RS-Case® Landesmandant KiPo schon bewährt. Hier können alle freigeschalteten Sachbearbeiter direkt Spuren überprüfen.

Befehlsstelle EA, Raum 2027, Gebäude B: Auch der Stab ist umgezogen, vom fünften in den zweiten Stock. Ein Beamer wirft ein Tableau an die Wand, auf dem die Namen aller Beschuldigten stehen und wer wo gerade ist. Bei einigen steht in dicken roten Buchstaben: JVA. Rechts daneben sind alle 17 NRW-Einsatzabschnitte aufgelistet. Essen war bis gestern grau schraffiert, das heißt: „In Ruhe gelegt“, keine besonderen Vorkommnisse. Dann ploppte ein Vorfall auf. Jetzt hat Kriminalhauptkommissar Jürgen Haese (57) die Stadt wieder angeknipst – von grau zu weiß.

Die ganze Maschinerie sprang an: Datenabgleich, Videokonferenzen mit der Einsatzstelle vor Ort, Abstimmungen mit der Cybercrime-Zentrale. Heute um 6 Uhr haben sich Zugriffskräfte Zugang zu einer Wohnung verschafft und den Inhaber überrascht. Haese sagt: „Der Überraschungseffekt ist wichtig, damit wir offene Handys bekommen. Ein paar Sekunden reichen und die Tatverdächtigen löschen alles.“ Und weil viele Täter Festplatten, Videokameras, Dildos oder Kinderkleidung in Hohlräumen verstecken, gehört es zum Standard, dass Spürhunde eingesetzt werden. Die finden sogar fingernagelgroße Speicherkarten.

17 Uhr, Kriminalhauptkommissar Haese ist seit zehn Stunden im Dienst. Der Verdächtige in Essen wurde abgeführt. 24 Handys mit 59.000 Bildern, 3.000 Videos, 12.000 Kontakten. Freut er sich? Haese sagt: „Es ist ein gemischtes Gefühl. Denn das zeigt auch, dass wir nie zu einem Ende kommen. Wenn wir einen Stein hochheben, finden wir darunter drei neue.“