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Hightech-Täter: Die Kinderschänder aus dem Schrebergarten haben versteckt im Digitalen gewirkt

Der klimatisierte Serverraum im Keller
Hightech-Täter: Die Kinderschänder aus dem Schrebergarten haben versteckt im Digitalen gewirkt
Kameras an den Hauswänden und in den Kinderzimmern. Und in einem Keller ein Serverraum mit Regalen voller Festplatten. So sah das aus, als die Polizei Münster im Juni bei einer Pressekonferenz Bilder vom Serverraum des mutmaßlichen Hauptverdächtigen zeigte.
Streife-Redaktion

Es ist der nächste schwere Fall, der nächste große Ring – nach Lügde und Bergisch Gladbach. Deutlich wird: Die Täter rüsten technisch immer weiter auf. Der Leiter des Cybercrime- Kommissariats Münster Uwe Krukkert (51) fordert deshalb: „Wir brauchen mehr Polizeibefugnisse, damit wir IP-Adressen identifizieren können.“

Tatort Internet: „Der Fall zeigt, wie groß die Herausforderungen sind, vor die uns die Digitalisierung stellt“, sagt Krukkert. Er leitet seit einem Jahr das Kriminalkommissariat 34 beim PP Münster mit 18 Mitarbeitern – zu wenige für zu viele Daten: 700 Terabyte stellten die Kollegen bei der Durchsuchung eines Schrebergartens und weiterer Objekte sicher. Krukkert musste Unterstützung in ganz NRW anfordern. Zu diesem Team gehören auch Mitarbeiter von LKA, BKA und der Zentralen Stelle für Informationstechnik im Sicherheitsbereich (ZiTis) – allein 115 Spezialisten aus NRW.

Seit Juni sichern sie bei der Ermittlungskommission „Rose“ in Münster die Daten und ordnen und sortieren sie. Dazu gehört auch eine automatische Bildauswertung. Computerprogramme filtern dabei Dateien heraus, die schon einmal aufgetaucht sind.

 

Wir brauchen mehr Polizeibefugnisse.

Der Hauptverdächtige Adrian V. hat sich gut im virtuellen Raum verstecken können – hinter Verschlüsselungen, Firewalls und sogar dem Datenschutzgesetz. Um seine Taten zu verschleiern, hatte er seinen Internetanschluss mit dem TOR-Browser „unsichtbar“ gemacht. Das alles zu entschlüsseln und forensisch belastbar nachzuvollziehen, braucht seine Zeit, das müssen wir akzeptieren. Aber am Ende steht der Erfolg und immer mehr Taten und Täter kommen ans Licht und vor allem können Kinder gerettet werden.

Die Tarnung von Adrian V. (27) war eine Idylle: eine Kleingartenanlage in Münster, so gepflegt und sauber, dass hier niemand den Schmutz der Kinderpornografie vermutet hätte. Mit Kameras überwachte der IT-Spezialist nicht nur die Umgebung, sondern installierte sie auch an den Doppelstockbetten in der Hütte. Die Steuertechnik dafür entdeckten die Ermittler in einer Zwischendecke. Der Computer-Profi filmte den sexuellen Missbrauch von Kindern – Jungen zwischen fünf und zehn Jahren.

Doch die Laube war nicht alles: Im Keller einer Verwandten fanden die Beamten einen Serverraum. Auf Schwerlastregalen aufgereiht: Hunderte Festplatten. Ventilatoren sorgten dafür, dass die Anlage nicht überhitzte. Von dieser „IT-Zentrale“ schickte Adrian V. vermutlich verschlüsselte Filme ins Internet, wahrscheinlich auch ins Darknet.

Lügde, Bergisch Gladbach und jetzt Münster: Die Datenmengen sind schier unvorstellbar und ständig kommt neues Material hinzu. Denn Schmutz führt zu noch mehr Schmutz. Wie kann man ihn eindämmen? Uwe Krukkert: „Wir brauchen neue Gesetze, damit wir mithilfe von IP-Adressen Nutzer identifizieren können.“

Stichwort Vorratsdatenspeicherung. Sie sieht vor, dass Telefon- und Internetverbindungsdaten gespeichert werden müssen, damit Ermittler später darauf zugreifen können. Seit 2006 gibt es dazu bereits eine EU-Richtlinie. Doch Anbieter sind daran nicht gebunden, weil das Bundesverfassungsgericht 2010 die deutschen Vorschriften kippte.

Aber der Datenschutz ist nicht das einzige Schlupfloch für Täter. Krukkert: „Unsere Ermittlungen enden oft in einer Sackgasse, weil Internet- oder Serveranbieter ihren Sitz im Ausland haben.“ Er selbst ist bei der Suche nach einer IP-Adresse einmal in Südkorea gelandet. Als der Serveranbieter nach drei Monaten endlich die ersten Infos schickte, hatte der deutsche Zugangsanbieter die IP-Adresse längst gelöscht. Grund: IP-Adressen werden in der Regel nicht länger als sieben Tage gespeichert. Krukkert: „Erst wenn alle ausländischen Internetanbieter auch eine Auskunftsstelle in Deutschland haben müssen, steigen unsere Chancen, den Wettlauf gegen die Zeit zu gewinnen. Und damit gegen die Kinderschänder.“