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Arbeit am Abgrund: Eine von uns - Sabrina Stein wertet im LKA kinderpornografisches Material aus

Hoch konzentriert: Sabrina Stein wertet Videos und Bildmaterial aus
Arbeit am Abgrund: Eine von uns - Sabrina Stein wertet im LKA kinderpornografisches Material aus
Dieser Film mit Gert Fröbe und Heinz Rühmann. Nach Dürrenmatt. „Es geschah am hellichten Tag.“ Sabrina Stein kann sich gut erinnern. Als Jugendliche hat sie ihn gesehen. Es geht um Sexualverbrechen an Kindern. „Das gibt es, aber es sind Einzelfälle“, dachte sie damals. Heute weiß sie: Nein, das sind keine Einzelfälle, sexueller Missbrauch von Kindern „passiert tagtäglich mitten in unserer Gesellschaft“. Ein Massenphänomen.
Streife-Redaktion

Täglich kämpft Sabrina Stein, die 38-jährige Kriminaloberkommissarin, dagegen an – wie 400 weitere Spezialistinnen und Spezialisten in Nordrhein-Westfalen. Gegen Lügde, gegen Bergisch Gladbach, gegen Münster und gegen noch unendlich viel mehr. Seit bald drei Jahren wertet sie im Landeskriminalamt (LKA) in Düsseldorf Material aus. Zwischen 300 und 500 Bilder und Videos muss sie sich jeden Tag anschauen, um Tätern auf die Spur zu kommen.

„Das ist ein Fass ohne Boden“, sagt sie, „das Internet ist so gewaltig, da kommt man nicht hinterher.“ Frustriert wirkt sie nicht, obwohl sie ahnt, dass sie das Rennen nie gewinnen wird. Sie ist eine starke Frau. Groß gewachsen, jeansblaue Lederjacke, schwarze Hose, senfgelbe Chucks, das dunkle Haar zu einem Knoten gebunden.

Wenn sie Filme anschauen muss, trägt sie Kopfhörer, damit die Kollegin im Raum und die Beschäftigten in den Nachbarbüros nicht auch die Schreie der Kinder hören müssen. Sie sieht „Dinge, die man sich nicht vorstellen kann“.

Warum macht sie das? Warum tut sie sich diesen Job an? „Ich trage gern mein Scherflein bei, wenn ich etwas besser kann als andere“, sagt Stein. Sie macht es, weil sie es kann.

Als Streifenpolizistin hat sie gearbeitet und als Ausbilderin beim Landesamt für Ausbildung, Fortbildung und Personalangelegenheiten (LAFP) unter anderem im Bereich Amok und Terror, ehe sie ins LKA gelangte.

„Ich fand das spannend und musste zuerst etwas schlucken“, erinnert sich die gebürtige Leverkusenerin, die seit vielen Jahren in Mülheim an der Ruhr lebt. Vier, fünf Tage lang trug sie die abscheulichen Bilder im Kopf mit sich herum, als sie zum ersten Mal mit dem Thema Missbrauch konfrontiert wurde. „Wenn ich heute merken würde, dass ich die Arbeit mit nach Hause nehme, würde ich sofort aufhören.“

Ihr gelingt es, Beruf und Privates zu trennen. Vielleicht auch, weil Freunde und Familie gar nicht mehr im Detail wissen wollen, was sie macht. „Vor allem, als ich noch Streifendienst gemacht habe, wollten die immer genau wissen, was da läuft“, sagt sie. „Heute fragt höchstens mal einer: Wie war dein Tag?“ Einzelheiten will niemand hören. Stein arbeitet am Abgrund der Gesellschaft. Eigene Kinder, mit denen sie über ihre Arbeit reden müsste, hat sie nicht.

Bei ihrer Recherchearbeit kommt es auf Kleinigkeiten an. Wo ist das passiert, was ich da sehe? Das ist eine oft entscheidende Frage bei der Suche nach Tätern.

Detailgenauigkeit, Konzentrationsfähigkeit und Ideenreichtum für die detektivische Arbeit nennt sie als Anforderungen für ihre Tätigkeit. Und Teamgeist. „Man muss in der Lage sein, über seine Gefühle zu sprechen“, betont sie. Ohne den Austausch im Team, ohne intensive Gespräche wäre die Arbeit nicht zu leisten. „Und wir machen gerne Späße. Wir dürfen hier lachen.“