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Was bleibt nach 15 Monaten Auslandsmission in Mali?

Internationale Polizeimissionen: Mali
Was bleibt nach 15 Monaten Auslandsmission in Mali?
Über diese Frage denkt Guido Henn auf dem Flug von Berlin nach Düsseldorf nach und lässt uns an seinen Gedanken teilhaben.
Guido Henn, LAFP NRW

Der Flug EW9047 von Berlin/Tegel nach Düsseldorf hat gerade seine Reiseflughöhe erreicht. Ich genieße die Ruhe, lehne mich zurück und denke an den gestrigen Abend: „Feierstunde für Teilnehmerinnen und Teilnehmer von mandatierten Friedensmissionen, dem bilateralen Projekt in Afghanistan sowie FRONTEX-Einsätzen“. Ich war zum ersten Mal bei solch einer Veranstaltung und wusste nicht so genau, was mich dort erwarten würde. Jetzt weiß ich es. Das Bundesministerium des Innern drückt mit dieser Veranstaltung seine Wertschätzung gegenüber den Beamtinnen und Beamten sowie deren Familien aus, die sich für eine Auslandsmission entschieden haben und in diesem Jahr aus dem jeweiligen Auslandseinsatz zurückgekommen sind. Ein wirklich gelungener Abend. Ein großartiger Festsaal in der ehemaligen Molkerei Bolle in Berlin. Über 300 geladene Gäste, ein prominent besetztes Rahmenprogramm, gutes Catering und zum Teil sehr interessante Reden, darunter eine beeindruckende Ansprache des ehemaligen Inspekteurs der Polizei NRW und aktuell Vorsitzenden der AG IPM (Arbeitsgruppe Internationale Polizeimissionen) Dieter Wehe, in der er die Bedeutung der internationalen Polizeimissionen für Deutschland hervorhob.

Aber da war noch mehr. Ich habe „mein Kontingent“ wieder getroffen. Insgesamt waren wir zehn ehemalige „MINUSMA“-Blauhelme (Mission der Vereinten Nationen in Mali), die sich bei dieser Gelegenheit wiedertreffen konnten und nicht nur die Geschichten von damals aufgewärmt haben, sondern gespannt und neugierig über das Zurückkommen, die Zukunftspläne und die Erfahrungen aus Mali gesprochen haben. Ein wirklich gelungener Abend, der erst spät enden wollte.

Jetzt lehne ich mich in meinem Sitz im Flugzeug zurück und frage mich: „Was bleibt eigentlich nach 15 Monaten Auslandsmission in Mali?“ Ganz deutlich habe ich noch vor Augen, wie wir im April 2018 aus dem nasskalten Deutschland über Paris in das hochsommerlich heiße Bamako geflogen sind. Hitze, Staub und Ungewissheit haben mich damals hauptsächlich beschäftigt. Erst nach und nach konnte ich die fremde Kultur genießen und diese dann auch voll Neugier entdecken. Nicht nur die vielen Facetten von Mali, sondern auch die verschiedenen Kulturen der aus insgesamt 26 Ländern stammenden Kollegen bei der UNPol (Polizeikomponente in der UN-Mission) galt es zu respektieren, zu entdecken und zu verstehen. Ich habe tolle Menschen kennen und schätzen gelernt und wir konnten neben der wirklich intensiven und kräftezehrenden Arbeit auch sehr viel lachen. Mit einigen stehe ich heute noch im Kontakt, so dass ich behaupten kann, dass mich jetzt freundschaftliche Bande an Mali, Be-nin, Niger, Ghana, Burkina-Faso, Senegal, Frankreich, Portugal, Kanada und die Niederlande binden. Zwar musste ich meinen Namen ablegen und wurde wahlweise „Guindo“, „Monsieurle COS“, „Mon Général“ oder „CP 0798“ (Charly Papa zéro sept neuf huit) gerufen, aber auch mit diesen neuen Namen konnte ich in den 15 Monaten mit der UNO einige Prozesse in und für Mali mitgestalten und dieses Land bei dem schwierigen Weg aus der Krise unterstützen. So ist es 2018 beispielsweise gelungen, in Mali weitestgehend friedliche, gleiche und demokratische Wahlen durchzuführen. Gewiss ein Erfolg, zu dem die MINUSMA erheblich beigetragen hat und auf den wir zu recht stolz sein können. Daneben stehen aber auch die Leistungen, die über den Dienst hinaus von sehr motivierten Kolleginnen und Kollegen erbracht wurden. Exemplarisch nenne ich hier das Fußballtraining für Waisenkinder sowie den Aufbau einer Grundschule in Mopti.

Aber da stehen auch die 15 Monate auf der Rechnung, in denen ich nur für Urlaube bei meiner Familie war. Meine Frau und meine Kinder mussten sich ohne mich organisieren. Und das haben die drei wirklich gut gemacht. Dennoch habe ich als Vater und Ehemann natürlich gefehlt, da ich nicht wie gewohnt ansprechbar war; auch wenn Internet-Videotelefonie das grundsätzlich ermöglicht. Ein Videotelefonat ist aber halt schon noch was anderes als ein echtes Vis-à-Vis-Gespräch mit echter Nähe. Nach meiner Rückkehr im Juli 2019 wurde dann das vertraute Familienmodell mit dem Vater und Ehemann wieder ins Leben gerufen.

Der Pilot teilt soeben mit, dass wir gleich unser Reiseziel erreichen werden. Ich denke mir: „Richtig, gleich bin ich wieder zurück!“ Ich komme gedanklich aber nicht aus Berlin, sondern aus einer anderen Welt. Aus einer Welt, die spannend, fordernd und unglaublich bereichernd war. Meine Auslandsmission in Mali. Dafür, dass ich diese Erfahrungen machen konnte, danke ich natürlich meiner Familie und all jenen, die uns auf die Mission vorbereitet, währenddessen betreut und diese mit uns nachbereitet haben. Ein großer Dank geht dafür nach Brühl zum Dezernat 13 (Auslandsverwendungen) beim LAFP NRW. Und dann ist da natürlich noch „mein Kontingent“. Danke! Ihr habt tolle Arbeit geleistet, trotz der widrigen Umstände habt ihr die Strapazen auf euch genommen und stets als richtig gute Teamplayer agiert. Das war herausragend! Kurz vor der Landung frage ich mich: „Was bleibt eigentlich nach 15 Monaten Auslandsmission in Mali?“ Zufriedenheit, Stolz, neue Freundschaften und vielleicht der Wunsch nach einer weiteren Mission. Auf jeden Fall steht aber fest, dass mich die Zeit in Mali geerdet hat. Dinge, die bei uns in Deutschland selbstverständlich sind, jederzeit kaltes und warmes Trinkwasser, saubere Luft, sichere Straßen, Krankheiten, mit denen mein Körper umgehen kann, ein stabiles politisches System, Achtung der Menschenrechte, ... Ich könnte die Aufzählung beliebig fortsetzen. All diese Dinge sind bei uns selbstverständlich. Aber erst jetzt kann ich ihren wirklichen Wert ermessen und bin zutiefst dankbar, dass ich in einem so sicheren und hochentwickelten Land leben darf.

Für mich ist meine Auslandsmission nun beendet. Ich bin glücklich und dankbar, dass ich diese Erfahrungen machen durfte. All jenen, die sich auf eine Auslandsmission vorbereiten oder aktuell in einer solchen arbeiten, wünsche ich, dass sie - so wie ich - gesund und wohlbehalten sowie mit vielen neuen Erfahrungen zurückkommen.

„Stay safe!“ und ein letztes Mal „Charly Papa 0798, over and out“.

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