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Sprach- und Integrationsmittler unterstützen die NRW-Initiative „Kurve kriegen“

Sprach- und Integrationsmittler
Sprach- und Integrationsmittler unterstützen die NRW-Initiative „Kurve kriegen“
Eine bundesweit einmalige Kooperation mit Sprach- und Integrationsmittlern öffnet der Polizei verschlossene Türen, um Menschen für dringend benötigte kriminalpräventive Maßnahmen zu gewinnen.
IM NRW

Aziza ist 32 Jahre alt, kommt aus dem Irak und ist Asylsuchende. Sie ist mit ihrem Mann und ihren drei Kindern seit einem guten Jahr in Deutschland. Hier sind sie sicher. Die Familie hat nach Aufenthalten in verschiedenen Aufnahmeeinrichtungen seit einiger Zeit eine kleine Wohnung zugewiesen bekommen. Aber - es läuft nicht wirklich rund hier. Ihr Mann trinkt seit einiger Zeit. Er ist oft mit seinen Landsleuten, anderen Männern, unterwegs, sie weiß nicht genau mit wem und wo. Ihr ältester Sohn, der 12-jährige Faruk, entgleitet ihr immer mehr.Sie weiß nicht, wo er sich aufhält, was er macht, wer seine Freunde sind. Manchmal erfährt sie es von der Polizei, die ihn schon zweimal heimgebracht hat. Sie musste mit ihm auch schon zu Vernehmungen ins Polizeipräsidium. Faruk hatte zugeschlagen und einen 11-Jährigen zur Herausgabe von Geld gezwungen. Raub lautet der Tatvorwurf.

Aziza versteht das alles nicht. Ihren Sohn nicht, die Polizei nicht und auch das Jugendamt nicht, das sich auch schon einmal bei ihr gemeldet hatte. Sie weiß nicht, was sie tun soll, wie sie sich verhalten soll und wem sie sich anvertrauen soll. Ihr Mann sagt, das sei ihre Sache und sie solle sich gefälligst um die Kinder kümmern und ihm keine Schande machen. Mit ihm kann sie nicht reden. Die Polizei dort wo Aziza aufgewachsen ist, war brutal und korrupt. Von der Polizei in Deutschland weiß sie nicht viel, aber warum sollte die anders sein als Zuhause.Ein Jugendamt, so etwas kennt sie aus ihrer Heimat nicht. Von einer Bekannten hatte sie gehört, dass dieses eine staatliche Organisation sei, die Eltern ihre Kinder wegnehmen kann.Sie hat Angst, aber sprechen kann sie mit niemandem darüber.

Und dann steht wieder die Polizei vor der Tür. Es ist ein Mann, er trägt keine Uniform. Seine Begleiterin spricht sie in ihrer Landessprache an - ja nicht nur in der Landessprache, sondern sogar mit dem Dialekt, der dort, wo sie aufwuchs, gesprochen wird - und sagt, dass der Mann ein Polizist sei, der sich Sorgen um die Entwicklung von Faruk mache und das er ihm und ihr helfen wolle, damit es nicht noch schlimmer werde. Die Frau sagt weiter zu ihr, sie sei eine Vermittlerin - eine Sprach- und Integrationsmittlerin. Sie sei von der Polizei beauftragt. Aziza ist erstaunt, als die Dame ihr erklärt, dass sie aus einem Ort stamme, der nur wenige Kilometer von ihrem Heimatort entfernt liegt, aber schon lange in Deutschland sei.

Die Sprach- und Integrationsmittlerin ist sehr offen und freundlich, erzählt ihr von einer Initiative hier in Deutschland, die zum Ziel hat Kindern, die drohen dauerhaft kriminell zu werden, zu helfen. Aziza ist erstaunt. Sie lässt die Frau und den Mann hinein. Der Mann redet, die Frau übersetzt und erklärt ihr was das alles bedeutet. Sie erklärt, wie die Polizei in Deutschland arbeitet, was genau ein Jugendamt ist und was es mit dieser Initiative auf sich hat. „Kurve kriegen“, so sagt sie, heißt dieses Programm. Aziza berichtet der Sprach- und Integrationsmittlerin von ihrer Angst, dass man ihr ihren Sohn nehme. Die Dame spricht sehr ruhig, lächelt sie an und erklärt ihr sehr genau, dass auch ein Jugendamt dass nicht einfach so darf. Dazu müsse ein Richter eingeschaltet werden - aber das, so die Dame, sei gar nicht das Ziel ihres Besuchs. Man wolle ihr helfen. Dazu aber, müsse sie sich helfen lassen und mitarbeiten. Die beiden sind sehr nett und Aziza fasst Vertrauen. In einem langen Gespräch berichtet sie von ihren Problemen, von ihrem Mann, der ihr keine Hilfe sei, von Faruk der ihr viele Sorge bereite, von Ihrer Überlastung mit seinen beiden kleinen Geschwistern, mit den Behörden, von ihren Ängsten...

Aziza redet so viel wie schon lange nicht mehr und dabei über Themen, über die sie noch mit niemandem gesprochen hat. Aziza ist hoffnungsvoll und möchte nun, dass man ihrem Sohn und ihr hilft. Keinesfalls solle er kriminell sein, sagt sie.

 

Der Anfang ist gemacht. „Kurve kriegen“ hat einen Fuß in der Tür. Die Arbeit kann beginnen.

Die Geschichte von Aziza ist eine von vielen, wie sie sich seit Beginn der Kooperation mit den Sprach- und Integrationsmittlern ergeben. Manchmal geht es sehr schnell, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen, manchmal bedarf es mehrerer Anläufe und eines langen Atems. Aber fast immer funktioniert es am Ende. Und genau das ist das Ziel dieser neuen und bundesweit einzigartigen Kooperation einer Sicherheitsbehörde mit Sprach- und Integrationsmittlern.

 

Zugänge herstellen, Vertrauen gewinnen, Hilfe zulassen und zur Mitarbeit bewegen.

Das benötigte Instrument heißt in diesem Fall „Sprach- und Integrationsmittlung“. Ein Berufsbild, das sich gerade in der Etablierungsphase befindet, obschon sie, die „Sprach- und Integrationsmittler“ (SIM), schon seit einigen Jahren in Krankenhäusern, Schulen, Ämtern etc. eingesetzt werden. Die systemische Zusammenarbeit mit einer Sicherheitsbehörde war für SIM allerdings ein Novum in Deutschland und wurde im Rahmen der Initiative „Kurve kriegen“ erstmals implementiert.

Über ein öffentliches Ausschreibungsverfahren wurde ein leistungsfähiger Partner gesucht, der zum einen über eine große Anzahl sehr gut qualifizierter und nach entsprechenden Standards zertifizierter SIM verfügt und zum anderen über ein leistungsfähiges Backoffice, das den spezifischen Ansprüchen der Initiative genügt. Diese sind, bezogen auf den organisatorischen Bereich, insbesondere die unkomplizierte, kurzfristige und passgenaue Vermittlung in ganz NRW, eine zentrale und dauerhaft besetzte Ansprechstelle und ein gutes Qualitätsmanagement.

Im Ergebnis erging der Zuschlag an die bikup GmbH, einem starken Träger aus Köln, sodass im März 2018 der „Sprachmittlerpool Kurve kriegen“ starten konnte - begleitet von einer Reihe von Informationsveranstaltungen für die Fachkräfte der Initiative. Nach einer Phase des Ausprobierens wurde der enorme Mehrwert der Zusammenarbeit mit den SIM schnell deutlich und die Einsatzzahlen stiegen exponentiell an. Aktuell sind es über 400 Einsätze mit über 1.300 Einsatzstunden. Vor Ort unterstützen die SIM die Kriminalbeamten und pädagogische Fachkräfte der Initiative bei der Arbeit mit den kriminalitätsgefährdeten Kindern, Jugendlichen und deren Familien. Sie vermitteln und dolmetschen soziokulturell, klären Missverständnisse, beraten die Fachkräfte, schaffen Zugänge in die Familien und so die Voraussetzungen für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit ihnen.

Aber auch hier gilt, nichts ist in Stein gemeißelt. Gerade weil wir am Anfang einer neuen Kooperation stehen, gilt es die Qualität ständig im Auge zu behalten und gegebenenfalls Anpassungen vorzunehmen.

 

Wie kam es zu dieser Kooperation

„Kurve kriegen“ arbeitet seit acht Jahren erfolgreich. Bundesweit ist man mittlerweile aufmerksam auf dieses wirkungsvolle und effiziente Programm zur Verhinderung von sogenannten Intensivtäterkarrieren. Die systemische aber immer aufgabentreue und rollenklare Verbindung von Polizei und Sozialer Arbeit ist anerkanntermaßen der absolut richtige Ansatz, um dem Multiproblemmilieu, in dem kriminalitätsgefährdete Kinder sich überwiegend befinden, passgenau begegnen zu können. „Kurve kriegen“ und Jugendämter interagieren symbiotisch. Die Zusammenarbeit, auch mit den weiteren Verantwortungsträgern und Kooperationspartnern wie Schulen, Staatsanwaltschaften, Amtsgerichten etc. verläuft reibungslos, streng im Sinne der Sache und fast immer erfolgreich.

Aber kein Grund, sich „auf den Lorbeeren auszuruhen“. Die Macher der Initiative wissen sehr genau, dass ein solches Programm nicht statisch sein kann. Einmal entwickelt und aufgesetzt heißt nicht für immer gut und erfolgreich. Der Rahmen in dem „Kurve kriegen“ stattfindet ändert sich ständig. Nachsteuern und anpassen ist die Devise, denn Strukturen von gestern schaffen keine Lösungen für morgen.

Vieles wurde in der Vergangenheit bereits geändert. Über die Umsetzung der zwölf Handlungsempfehlungen der Prozess- und acht Handlungsempfehlungen der Wirkungsevaluation hinaus, wurden Prozesse ergänzt bzw. modifiziert. So wurden zum Beispiel

  • die Zielgruppe altersmäßig erweitert, um längere Betreuungszeiten zu ermöglichen,
  • die Begrenzung der ursprünglich auf zwei Jahre festgelegten Teilnahmedauer aufgehoben,
  • das Screening und die Akquise standardisiert,
  • das Zielvereinbarungsverfahren „GAS“ sowie interne Fallkonferenzen als Standard eingeführt,
  • das Übergangs- und Übergabemanagement nach Beendigung der Teilnahme standardisiert,
  • Qualitätsstandards für Vergaben an Drittanbieter verbindlich festgelegt.

Wir arbeiten ständig an der Optimierung der Initiative. Durch unser engmaschiges Controlling und Monitoring, dazu gehören auch regelmäßig Termine vor Ort, haben wir einen sehr guten Einblick in die Behörden und die Arbeit in der Initiative. So können wir Änderungsbedarfe und neue Herausforderungen frühzeitig erkennen und entsprechend reagieren. Im Bereich der zugewanderten Menschen erkannten wir eine größer werdende Herausforderung. Im Screening und der Akquise sondierten wir stark kriminalitätsgefährdete junge Menschen aus Familien, die noch nicht sehr lange in Deutschland waren. Sie waren für unsere Fachkräfte aber nicht erreichbar. Teilnahmen wurden abgelehnt. Ob Misstrauen, Angst oder Unverständnis, die Gründe dafür waren vielfältig. Nach eingehenden Beratungen und auf Grund unserer Erfahrungen in der Initiative „klarkommen“ kamen wir zu dem Ergebnis, dass soziokulturelle Missverständnisse die Ursachen für die Verweigerungshaltungen waren und dass wir in diesen Fällen mit unserem „Instrumentenkoffer Kurve kriegen“ definitiv nicht weiterkommen würden - trotz des offensichtlich hohen Bedarfs an kriminalpräventiver Intervention. Das benötigte Instrument in diesem Fall ist die „Sprach- und Integrationsmittlung“ (SIM).