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Kompass für den Ernstfall: "Grenzgang" - zehn Jahre Wertevermittlung

Neugestaltung Grenzgang
Kompass für den Ernstfall: "Grenzgang" - zehn Jahre Wertevermittlung
Vor einer Dekade hat das Landesamt für Ausbildung, Fortbildung und Personalangelegenheiten (LAFP) der Polizei Nordrhein-Westfalen in Selm mit der Einrichtung des „Grenzgangs“ einen einzigartigen Lernort für berufsethische Fragen geschaffen. Das Interesse an dem Konzept ist groß. Seit Jahren wächst bei anderen Bundesländern und im Ausland der Wunsch, Ähnliches zu versuchen.
Streife-Redaktion

Nachdem bei einer Polizeiaktion in der US-Stadt Minneapolis der Afroamerikaner George Floyd ums Leben kam, hat die Frage nach einem angemessenen Verhalten von Ordnungskräften zusätzliche Brisanz bekommen. Weltweit wird über die Verantwortung und Eingrenzung staatlicher Gewalt diskutiert.

In NRW hat die Auseinandersetzung mit der Polizeikultur eine lange Tradition. Die Impulse für die Ausstellung „Grenzgang“ entstanden aus der Zusammenarbeit von Polizei und Kirche. Sie hat bereits in den 60er Jahren begonnen. Aus der engen Kooperation erwuchs der Wunsch, direkt auf existenzielle Nöte einzugehen und Hilfestellung zu leisten. Polizisten erleben in ihrem Beruf immer wieder Dinge, die kaum auszuhalten sind. Es sind Gratwanderungen, die Körper und Geist belasten.

Nach einer 13-monatigen Erarbeitungsphase wurde die didaktische Plattform „Grenzgang“ im Herbst 2010 eröffnet. Seitdem moderiert ein Team die in der Ausstellung angesprochenen Punkte. Vier Leitthemen wurden für die Präsentation ausgewählt. Eingangs stellt man die Frage nach gesellschaftlicher Gleichheit. Es folgen die Komplexe Polizei und Gewalt, Extremsituationen und Gefahr sowie der Umgang mit Tod und Sterben. Jeder Polizeischüler besucht die Ausstellung mindestens einmal während der Ausbildung, entweder direkt in Selm oder virtuell in den Bildungszentren Schloß Holte-Stukenbrock oder Brühl. Seit 2014 ist der Grenzgang dem Zentrum für ethische Bildung und Seelsorge in der Polizei NRW (ZeBus) zugeordnet.

Polizeihauptkommissarin Lil Herholz ist seit 2013 als Lehrkraft in Selm dabei. Zunächst unterrichtete die ehemalige Streifenpolizistin junge Studentinnen und Studenten. Inzwischen diskutiert die Mutter einer acht Jahre alten Tochter auch mit Führungskräften die Inhalte des Rundgangs praxisnah unter Berücksichtigung ethischer Aspekte.

Es geht – unabhängig von dem jeweiligen Erfahrungshintergrund – um das Spannungsfeld zwischen menschlicher Unvollkommenheit auf der einen und erwarteter Professionalität auf der anderen Seite. Unübersichtliche, gefährliche, aber auch emotionale Lagen lassen den Menschen in der Uniform nicht kalt. „Wir wollten von Anfang an vermeiden, dass abgehoben über grundlegende Einstellungen und Haltungen von Polizisten geredet wird“, erläutert Herholz. Anhand von Bildern, Fotos, Asservaten, Interviews, Filmen und Texten sei eine Atmosphäre geschaffen worden, die an Emotionen rührt und Reflexionsprozesse in Gang setzt, unterstreicht sie.

Gerade ist die Ausstellung aktualisiert und modernisiert worden. Die szenografische Gestaltung haben die „Grenzgänger“ verbessert. Stärker als vorher setzen sie auf digitale Medien und greifen neuere Entwicklungen und aufsehenerregende Zwischenfälle auf.

 

Soziales Gefälle

Um das soziale Gefälle auszuloten, zeigt man in Raum eins diverse Gruppen, mit denen die Polizei häufig zu tun hat – Wirtschaftskriminelle, Drogenabhängige, Clanmitglieder, jugendliche Intensivtäter, Obdachlose und Flüchtlinge. Die Betrachter sollen sich auf Augenhöhe in unterschiedliche Lebenswelten einfühlen. „Polizisten sind nur Menschen“, kommentiert Herholz. Niemand sei perfekt. Ekel, Wut, Angst und Vorurteile könnten verhindern, dass sich ein Polizeibeamter professionell verhalte. Die eigenen Blockaden ließen sich lösen, wenn sie einem erst bewusst seien. „Das Grundgesetz verpflichtet uns, die Menschenwürde aller zu achten und zu schützen“, stellt die Polizeihauptkommissarin klar. Moralisch stabil zu bleiben, sei eine Herausforderung. „Sie muss bewältigt werden.“

 

Gewalt

Der zweite Raum beschäftigt sich mit Gewalt. Die Polizei wird ihr Opfer, übt sie aber auch selbst aus, wenn sich beispielsweise jemand einer Festnahme widersetzt. „Natürlich müssen die Mittel verhältnismäßig bleiben“, sagt Lil Herholz. Sie weist auf gravierende Unterschiede in der Ausbildung und Fortbildung der Polizei in den USA und in Deutschland hin. „Wenn jemand am Boden liegt, muss die Person bei uns schnell aufgerichtet werden, damit sie genügend Luft bekommt“, fährt sie in Anspielung auf die verstörenden Bilder aus den USA fort.

Anhand von Fallbeispielen werden von den Moderatoren des „Grenzgangs“ immer wieder diskussionswürdige Impulse gegeben. „Bei aller Empathie dürfen wir aber unsere eigenen Leute nicht gefährden“, meint die engagierte Pragmatikerin. „Geeignete Sicherungsmaßnahmen müssen mitgedacht werden.“

 

Terror und Amok

Raum drei konfrontiert mit Terroristen und Amokläufern – eine tödliche Bedrohung. Wer dem Bösen begegnet, läuft Gefahr, das Gute aus den Augen zu verlieren. An einer Videowand können Ereignisse aus der allerjüngsten Geschichte per Knopfdruck abgerufen werden, wie die islamistischen Attentate von Paris, Nizza oder Berlin. Auch der rechtsextremistisch motivierte Angriff auf die Synagoge von Halle wird in diesem Zusammenhang behandelt. Eine Zeitleiste erinnert an anderer Stelle an terroristische Phänomene aus der Vergangenheit, darunter die Gewalttaten der linksextremistischen „Rote Armee Fraktion“, die auch als Baader-Meinhof-Bande bekannt ist.

„Man muss einen kühlen Kopf bewahren und darf sich nicht von seinen Gefühlen überwältigen lassen“, mahnt Lil Herholz. „Meinen Hass bekommt ihr nicht“, zitiert sie einen Betroffenen, der beim Überfall auf das Pariser Konzerthaus Bataclan seine Frau verlor.

Die eigene Hilflosigkeit gegenüber sinnloser Brutalität sei für einen Polizisten oft besonders niederschmetternd, so die Lehrende für Ethik. Man könne aber stets auf eine Vielzahl psychosozialer Unterstützungsmaßnahmen zurückgreifen, beispielsweise auf das PSU-Team NRW oder den Sozialwissenschaftlichen Dienst (SwD) beim LAFP NRW. Genauso wichtig sei aber auch, dass man von den eigenen Kolleginnen und Kollegen in schwierigen Momenten aufgefangen wird.

 

Tod und Sterben

Der abschließende Raum erzählt von Tod und Sterben. Da ist ein Beamter, der einem Unfallopfer in seinen letzten Minuten die Hand hält. Und eine Polizistin, die Eltern mitteilen muss, dass ihr Kind nicht mehr lebt. Oder ein Streifenpolizist, der mit sich hadert, weil er in Notwehr einen Angreifer erschossen hat. „Diese Einsätze hinterlassen Spuren bei den Menschen. Manchmal verletzt es nicht nur den Körper, sondern auch die Seele“, hebt Herholz hervor. Manche würden nach solchen Vorkommnissen dienstunfähig. „Wir wollen unseren Teil dazu beitragen, dass man auf solche Situationen ethisch-moralisch vorbereitet ist. Wir hoffen, dass dies zur besseren Bewältigung einer Extremsituation beitragen kann.“

Manche hätten sich ein dickes Fell als Schutz umgelegt, konstatiert die Polizeihauptkommissarin. Verdrängung sei eine Art des Umgangs mit Belastungen für Polizistinnen und Polizisten. Aber auch der Austausch innerhalb der eigenen Dienststelle nach schwerwiegenden Ereignissen werde als entlastend empfunden. Die seelische Balance zu finden und zu halten, sei ein sehr individueller Prozess. Die Waage symbolisiert im letzten Raum des „Grenzgangs“ die Bedeutung des inneren Gleichgewichts: „Mit Sicherheit hält unser Beruf im Laufe der Berufsjahre Belastungen für jeden von uns parat. Für einige mehr, für andere weniger. Der Ausgleich, die Entlastungen sind das Entscheidende, sodass die Waage stets im Lot bleibt. Im besten Fall überwiegt die Waagschale der Entlastungen die der Belastungen.“ Die Zeit mit der eigenen Familie und der Sport sind der Ausgleich für Lil Herholz.

 

Resonanz steigt

Bis zum März 2020 haben 19.981 Besucher den „Grenzgang“ von Selm kennengelernt, davon 17.502 Polizisten und 2.479 interessierte Bürger. Die Dienststelle leitet Polizeirat Stefan Heimbuch seit Oktober 2019. Ihn unterstützen neben Lil Herholz zwei weitere Polizisten und drei Seelsorger. Hinzu kommt eine wissenschaftliche Stelle. Virtuell haben 3.925 Polizisten bis 2019 das Angebot wahrgenommen. Das Ganze ist eine Erfolgsgeschichte. „Die Resonanz steigt“, freut sich Lil Herholz. Als erster EU-Staat haben die benachbarten Niederlande wesentliche Elemente des Konzeptes übernommen. Auch andere Bundesländer holen sich Anregungen. Schleswig-holsteinische Auszubildende der Polizei fahren schon seit vielen Jahren direkt nach Selm. Lil Herholz findet, dass der Fachbereich Ethik in dem praktisch orientierten Polizeiberuf ein wichtiger Bestandteil in Aus- und Fortbildung ist. Die moralische Stabilität eines jeden kann ins Wanken geraten, wenn sich die schwierigen Einsatzsituationen häufen. Und dann ist die Ethik gefragt: „Wir wollen im ,Grenzgang‘ den Selbstreflexionsprozess anstoßen und dadurch die Kolleginnen und Kollegen für ihre Aufgaben stärken.“

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