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Ausbeutung und Sklaverei

Polizeieinsatz in aller Frühe in Duisburg Hochfeld
Ausbeutung und Sklaverei
Sie kommen nach Deutschland, um das Glück zu finden. Sie landen in Absteigen und werden versklavt. Skrupellose Menschenhändler wittern in Deutschland das große Geschäft und pressen die Ärmsten der Armen aus. Die können sich nicht wehren.
Streife-Redaktion

Duisburg, 6.30 Uhr, Stadtteil Hochfeld. Die Frau, die per Haftbefehl gesucht wird, ist nicht da. „Auf Kurzurlaub im Harz“, sagt ihr Mann, der mit einem kleinen Sohn auf dem Arm die Tür öffnet. Altbau. Parterre, zugestellt mit Möbeln und Krimskrams. Alles wirkt düster. Ermittler von Polizei und Zoll zeigen den Durchsuchungsbeschluss. Der Verdacht: Die Frau ist Teil eines Menschenhändlerrings und für die Unterbringung der illegalen Arbeiter zuständig. Die Polizei ist ausgerückt, um dem Geschäft ein Ende zu bereiten. Männer und Frauen, die eingepfercht irgendwo in der Stadt leben. Ausbeutung. Sklaverei. Zwangsarbeit. Hier in Deutschland? Mitten unter uns?

Der Mensch als Ware, das scheint ein lukratives Geschäft zu sein, seitdem immer mehr Flüchtlinge nach Deutschland kommen, um hier ein besseres Leben zu finden. 2019 flogen Mitglieder der nigerianischen Mafia auf, die Mädchen mit Voodoo-Zauber einschüchterten und an Freier verkauften. Doch der Handel beschränkt sich schon lange nicht mehr auf Frauen im Rotlichtmilieu. Unter den Begriff „Menschenhandel“ fallen auch Kinder, die zwangsverheiratet, Menschen mit Behinderung, die von organisierten Bettel-Banden drangsaliert, und Jugendliche, die auf Diebeszüge geschickt werden. Kaum einer kann das Leid erfassen, das oft dahinter steht. Und auch nicht die Skrupellosigkeit, mit der internationale Schlepperorganisationen Menschen quälen und entwürdigen.

Die Ermittler in Duisburg hatten die Bande schon lange im Visier. Sie soll mit Schleusern zusammenarbeiten, die Menschen aus Osteuropa ins Ruhrgebiet bringen. Die Masche: Sie kassiert jeden Monat 350 Euro Miete; dafür gibt es eine fleckige Matratze in einem 50-Quadratmeter-Loch mit Klo. „Da sich im Schnitt zwölf Bewohner eine Unterkunft teilen, macht das 4.200 Euro im Monat“, rechnet Kriminaldirektor Jürgen Dekker vor, der den Einsatz leitet. Zu seinem Einsatzteam gehört auch Gringo, ein belgischer Schäferhund. Das Team braucht seine Nase. Denn er ist einer von acht zertifizierten Banknotenspürhunden im Land und kann Geld riechen.

Und so schnuppert er sich durch Flur, Wohnzimmer, Küche, Schlafzimmer. Fehlanzeige. Kaum Bargeld da. Die Ermittlerinnen und Ermittler arbeiten sich durch Geschäftsunterlagen. Dann ein Treffer: In den drei Autos, die vor dem Haus parken, finden sie Dutzende Schlüssel. Sie gehören zu den Absteigen, in denen die Opfer leben: rund 150 Männer und Frauen aus der Ukraine, Georgien und der Republik Moldau, die mit gefälschten rumänischen und bulgarischen Dokumenten ins Land geschleust wurden. Sprachlos, hilflos und abhängig von ihren Schleppern, die sie wie Sklaven halten. Jeden Cent, den sie als Hilfsarbeiter verdienen, müssen sie abliefern.

„Es ist wie eine Herrschaftsübergabe. Menschen werden unter Druck gesetzt, müssen Geld ranschaffen. Die Drahtzieher halten im Hintergrund die Hand auf und entscheiden über Leben und Gesundheit“, sagt Hauptkommissar Wilfried Neumann (56). Er erstellt das Lagebild „Menschenhandel“ beim LKA und war vorher 19 Jahre in Duisburg. Schwerpunkt: organisierte Kriminalität.

„Armut ist der beste Nährboden, um zum Opfer von Menschenhandel zu werden“, sagt er und erklärt, wie die Masche funktioniert: „Im ersten Schritt werden die Opfer mit schönen Bildern im Internet gelockt. Hinzu kommt der Erwartungsdruck der Familie und die Versprechungen der Schlepper.“ Der Traum von Schönheit und Reichtum lockt besonders Mädchen aus Nigeria. Sie nehmen bis zu 60.000 Euro Kredit bei Schleppern auf, damit die sie in einem Schlauchboot übers Mittelmeer bringen. In Europa werden sie Kinder reicher Familien betreuen, so ihre Hoffnung. Tatsächlich werden sie auf der Reise durch die Wüste Sahara schon misshandelt, bestohlen und teilweise auch vergewaltigt. Dann enden sie in schmuddeligen Hinterzimmern, um als Sex-Sklavinnen ihre Schulden abzuarbeiten – Wochen, Monate, Jahre –, bis sie dafür nichts mehr wert sind und sich selbst für wertlos halten.

Kein Handy. Kein Pass. Kein Geld. Neumann: „Sie werden isoliert, geschlagen, eingeschüchtert.“ 2018 sorgte ein Fall vor dem Duisburger Landgericht für Aufsehen: Angeklagt war ein Pärchen, das die Frauen mit Voodoo-Zaubern belegt hatte. Nach der Zeremonie gehörte ihr Körper den Schleppern, glaubten die Frauen. Und bei Widerworten drohten die auch noch: „Wenn ihr nicht tut, was wir sagen, stirbt ein Familienmitglied.“

Tausende junge Nigerianerinnen werden jedes Jahr nach Deutschland geschmuggelt, schätzen die Ermittler. Kriminalpolizeilich wurden in Nordrhein-Westfalen für das Jahr 2020 lediglich 94 Fälle erfasst. „Die Zuhälter werden immer geschickter und vereinbaren Hotelzimmer übers Internet. Die Ermittlungen werden dann aufwendiger“, sagt Neumann.

Manchmal gelingt der Zugriff aber doch: Zurück nach Duisburg-Hochfeld, zu den Menschenhändlern aus Tschetschenien und der Republik Moldau. Sie vermittelten die illegalen Arbeiter mit gefälschten Pässen an Logistikunternehmen und Getränkeabfüller. Von 15 Euro Stundenlohn mussten die „Sklaven“ mindestens 10 Euro abgeben. Kriminaldirektor Dekker: „Die Firmen trifft oft keine Schuld. Das Geld machen die zwischengeschalteten Kriminellen.“

Erfolg der Ermittlungskommission „Sprudel“: Gegen fünf von neun Beschuldigten zwischen 31 bis 51 Jahren werden Haftbefehle vollstreckt. Der Vorwurf lautet: Menschenhandel, Vorenthalten und Veruntreuen von Arbeitslohn, Verstöße bei den Sozialabgaben, Dokumentenfälschung, Geldwäsche.

Auf 4 Millionen Euro schätzen die Behörden den Schaden an entgangenen Steuern und Sozialabgaben. Vom Leid der Opfer ganz zu schweigen.

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