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Zum Glück sind es häufig Bagatellen

Ein blaues Stethoskop baumelt über der Polizeiweste: Die Aufgaben draußen vor Ort sind oft gefährlicher als der Klinikalltag.
Zum Glück sind es häufig Bagatellen
Polizeiärztin Dr. Quentine Pye fährt in polizeiliche Großeinsätze, hält Sprechstunden, schreibt Gutachten, berät Beamtinnen und Beamte zum Arbeitsschutz. Nun soll eine Reform mehr Zeit für arbeitsmedizinische Vorsorge bringen.
Streife-Redaktion

Schwere Einsatzstiefel, Polizeihelm, am Gürtel Ampullen mit Fentanyl und Morphium. Dr. Quentine Pye (37) war auf alles vorbereitet, am Samstag vor fünf Jahren im Braunkohletagebau Garzweiler II: Weil bei Großeinsätzen die Lage schnell eskalieren kann, hatte sie morgens noch die starken Betäubungsmittel aus dem Safe geholt. Es sind die Mittel einer Polizeiärztin gegen Brüche oder tiefe Fleischwunden. In den Tagen zuvor hatte es Verletzte gegeben, als Klimaaktivisten Steine auf Polizistinnen und Polizisten geworfen hatten.

Ob im Tagebau oder Hambacher Forst, bei einer Corona-Demonstration oder einem Revierderby: Wenn in Nordrhein-Westfalen die Hundertschaften ausrücken, fahren oft auch Medizinerinnen und Mediziner in Uniform mit. „Polizeiärztin“ steht auf der orangen Leuchtjacke, mit der die Regierungsmedizinaldirektorin dann in den Einsatz geht. Daran erkennen die Polizistinnen und Polizisten ihre Frau Doktor – und an dem blauen Stethoskop, das um den Hals baumelt.

Dr. Pye ist eine von 30 Weißkitteln, die als Polizeiärztinnen und -ärzte in Nordrhein-Westfalen arbeiten – nur dass sie im Dienst fast nie weiße Kittel tragen. Zu sehr unterscheiden sich ihre Aufgaben vom Klinikalltag und sind manchmal auch gefährlicher.

Zurück zum Tag im Rheinischen Revier, wo die Hundertschaft in Vollmontur in der glühenden Hitze stand und einen Kessel um die Demonstranten zog. Laut Wetterbericht war es der heißeste Tag des Jahres. Das Thermometer zeigte 40 Grad und mehr. Auch Dr. Quentine Pye und ihr Team standen mit einem Notarzt- und Krankenwagen in der Grube. „Die Luft flirrte, alle schwitzten wie Bolle“, erinnert sich die zierliche Frau. An diesem Tag hat sie keine Betäubungsmittel gebraucht, eher im Gegenteil. Einige Demonstranten und Polizisten klappten unter der Sonne und der schweren Körperschutzausrüstung zusammen. „Solche Anstrengungen hält kein Kreislauf gut aus“, sagt Dr. Pye.

Wenn sie unterwegs ist, fährt immer auch ein großer roter Rucksack mit, 20 Kilo schwer. Darin sind Notfallmedikamente, Infusionsbestecke, Intubations- und Verbandsmaterial. Im Kofferraum liegen Sauerstoffflaschen und Beatmungsbeutel sowie ein Defibrillator für schnelle Hilfe bei Kammerflimmern und Herzstillstand – eben alles, was ein Rettungsteam im Notfall braucht. Zum Glück hatten sie im Rheinischen Revier genug Kanülen und Elektrolyte-Lösungen dabei.

Fünf Jahre später klingt das wie eine Geschichte aus einer längst vergangenen Zeit, so viel ist seitdem passiert: Im Hambacher Forst stürzte ein Journalist von einem Baum. Polytrauma – schwerstverletzt. Kollegen von Dr. Pye übernahmen die Erstversorgung. Bei einem Fußballspiel kollabierte ein Fan. Sie konnten ihn wiederbeleben. In der Ausnüchterungszelle des Düsseldorfer Polizeipräsidiums randalierte ein Betrunkener, 2,66 Promille. Als die Kollegen vom Polizeirevier anriefen, hatte Dr. Pye gerade Sprechstunde. Doch ein Notfall geht vor. Also schloss sie die Praxis, um den Mann zu untersuchen, der schließlich im Krankenhaus landete. Dann kam Corona. Dr. Pye und ihr Team waren bei der landesweiten Impfaktion dabei.

Doch nicht immer ist der Job des Polizeiarztes der des Retters in höchster Not. Mittwoch, kurz vor 9 Uhr: Dr. Quentine Pye fährt mit ihrem gelb-orangen VW-Bulli auf den Hof der 9. Bereitschaftspolizei am Tiefenbroicher Weg in Düsseldorf. Links oben an der Windschutzscheibe pappt ein blauer Aufkleber: NRW – PP-Düsseldorf-PÄD. PÄD steht für Polizeiärztlicher Dienst.

Heute steht arbeitsmedizinische Beratung auf dem Programm. Die Hundertschaft hat sich schon im Schulungsraum versammelt. Dr. Quentine Pye wird einen Vortrag über Atemschutzmasken halten.

Dienstunfälle, Reha-Anträge, Tauglichkeitsprüfungen – all das landet auf dem Schreibtisch der Medizinerin, die in Düsseldorf ein sechsköpfiges Team von Notfallsanitätern und Medizinischen Fachangestellten leitet. Dr. Pye untersucht die Patientinnen und Patienten, schaut in die Krankenakten, dokumentiert anschließend die Ergebnisse. Insgesamt ist sie Ansprechpartnerin für für ca. 2.700 Polizisten und Verwaltungsbeamte. Zum Vergleich: Ein Hausarzt betreut im Schnitt knapp 1.000 Patientinnen und Patienten. Deshalb ist jeder Tag im PÄD eng getaktet. So wird Dr. Pye auch an diesem Tag gleich nach ihrem Vortrag wieder zur nächsten Besprechung fahren: Ein Meeting mit ihrem Team. Im Juni findet im bayerischen Elmau der G7-Gipfel statt. Auch NRW-Hundertschaften werden dabei sein. Weil Elmau in einem Zeckengebiet liegt, bietet der PÄD Impfungen gegen Borreliose an. Das alles muss geplant werden.

Aber zunächst setzt ein Polizist im Schulungsraum am Tiefenbroicher Weg ein Atemschutzgerät auf. Dr. Pye erklärt, was passieren kann, wenn unter Stress erstmalig mit der Maske gearbeitet wird. Anschließend referiert sie über Asthma und Allergien. Als Betriebsärztin ist sie zuständig für Arbeitsschutz, Gesundheitsförderung und Prävention. Sie bietet an: „Wenn ihr Atemprobleme habt, bin ich für euch da.“ Und: „Keine Sorge. Es gilt die ärztliche Schweigepflicht.“

Aus der Klinik zur Polizei – hat sie das je bereut? „Nein, auch wenn die Arbeit ganz anders als der Alltag im Krankenhaus ist“, sagt die Mutter einer kleinen Tochter. Nach ihrem Medizinstudium hat sie bei der Hilfsorganisation German Doctors auf den Philippinen gearbeitet, bevor sie ihre Doktorarbeit schrieb und ihren Facharzt als Internistin machte. Von der Stelle bei der Polizei hat ihr eine Bekannte erzählt. Seit 2017 ist sie dabei. Nur an eines musste sie sich gewöhnen: „Den Papierkram.“ Gutachten können lang werden.

Die Praxis des PÄD liegt in einem Hinterhof hinter einer schweren Brandschutztür. Es sieht aus wie bei einem Hausarzt: Rezeption, Arztzimmer, Labor und Untersuchungsräume. Doch hier wird keine Magen-Darm-Grippe behandelt. Zu ihrem Alltag gehören arbeitsmedizinische Vorsorge sowie Impf- und Reiseberatungen. Sie untersucht auch Polizisten, die in einen Auslandseinsatz gehen. „Manchmal findet zum Beispiel auch ein besorgter Familienvater den Weg zu mir, der sich bei einem Einsatz an einer Junkie-Nadel verletzt hat“, sagt Dr. Pye.

Viele Polizisten, die zu ihr kommen, hatten einen Dienstunfall. „Zum Glück sind es häufig Bagatellen“, so die Medizinerin. Doch manchmal macht die Psyche nicht mehr mit. Dann muss sie beurteilen: Besser Innendienst statt Streifendienst? Auch der Schichtdienst ist immer wieder ein Thema. Nach 30 Jahren leiden Streifenbeamte oft unter Schlafstörungen. Was tun? Das ist jedes Mal eine Einzelfallentscheidung.

Die Betriebsärztin, die hilft, und die Amtsärztin, die beurteilt – alles in einer Person. Dr. Quentine Pye sagt: „Das passt nicht zusammen und führt häufig zu Konflikten. Denn warum sollte ein Patient heute mit der Betriebsärztin über seine Sorgen bei der Arbeit reden, wenn er befürchten muss, dass sie ihn morgen vielleicht als Amtsärztin dienstuntauglich schreibt?“

Um diese Missstände zu beheben, arbeitet eine Landesarbeitsgruppe seit 2021 an einer strategischen Neuausrichtung im Arbeits- und Gesundheitsschutz. Ein Ziel: Jeder Polizeiarzt ist für „seine“ Patienten vor Ort künftig nur noch Betriebsarzt. Gleichzeitig schreibt er für andere Präsidien Gutachten als Amtsarzt.

Dadurch entfallen Verwaltungsaufgaben und er hat mehr Zeit für seine Patienten. Dabei soll auch modernste Technik unterstützen.

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