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NRW- Polizistin auf Mission im Sudan

Nina Stier auf UN Mission im Sudan
NRW- Polizistin auf Mission im Sudan
Der Sudan ist das drittgrößte Land Afrikas, fünf Mal so groß wie Deutschland und wichtiges Transitland für afrikanische Flüchtlinge, um über Ägypten nach Europa zu gelangen. Was macht eine Polizistin aus Recklinghausen im Sudan? Das erläutert Kriminaloberkommissarin Nina Stier.
Nina Stier

„Nicht reden, tun.“ Dieses Motto hat mich mein ganzes Leben begleitet. Ich bin Kriminaloberkommissarin und Sachbearbeiterin im Fachkommissariat für Sexualdelikte im KK 12 des Polizeipräsidiums Recklinghausen. Als ich zum ersten Mal von der Möglichkeit erfuhr, an einer internationalen Friedensmission im Sudan teilzunehmen, hat mich dieser Gedanke nicht mehr losgelassen. Bis heute habe ich es nicht eine einzige Sekunde bereut – im Gegenteil.

Diese internationale Zusammenarbeit motiviert mich auch weiterhin, einen wichtigen Dienst am Menschen zu leisten. Auch wenn nicht alles mit deutschen Maßstäben vergleichbar ist, können wir immer nur voneinander lernen und uns dafür einsetzen, dass Menschenrechte wie die Gleichberechtigung von Mann und Frau, die Möglichkeit zur Bildung und Arbeit sowie ein Leben ohne Krieg und Flucht nicht nur theoretisch verankert sind, sondern gelebte Realität werden. 

 

Mission in einem fremden Land

Die Mission ist eine sogenannte »Hybrid Mission« der Afrikanischen Union und der Vereinten Nationen im Sudan mit dem Ziel, die Neuorganisation und Ausbildung der sudanesischen Polizei in Darfur zu unterstützen. Deutschland beteiligt sich seit Ende 2007 an der Mission. Aktuell engagieren sich sechs Polizeivollzugsbeamte aus Deutschland in der Mission, davon drei aus NRW.

Die Republik Sudan liegt in Nordost-Afrika. Vorherrschende Rechtsordnung ist die auf dem Islam basierende Scharia. Auf Ehebruch steht die Steinigung bis zum Tode, auf den Konsum von Alkohol bis zu drei Monate Gefängnis. Gegen den Staatspräsidenten und Regierungschef in der Hauptstadt Khartum, Omar Hassan Ahmad al-Al Bashir, liegen im Zusammenhang mit dem Darfur-Konflikt zwei Haftbefehle des internationalen Strafgerichtes wegen Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord vor.

Im Jahr 2003 kam es zu einem Bürgerkrieg zwischen der Regierung und ihren Milizen auf der einen und verschiedenen Rebellengruppen auf der anderen Seite. Mitglieder der von der Regierung mit Waffen und Geldern unterstützten arabischen Reitermiliz »Janjaweed« haben in dieser Zeit über 5.000 Dörfer in Darfur zerstört und die dort lebenden Männer, Frauen, Kinder und Babys brutal ermordet. Die ohnehin spärlichen Strohhütten, die in den heftigen Regenzeiten kaum Schutz bieten, wurden niedergebrannt. Die Janjaweed haben in einem Interview offen zugegeben, diese Morde auf Befehl der Regierung und gegen Bezahlung ausgeführt zu haben. Der Bürgerkrieg führte zu einer der weltweit größten humanitären Katastrophen, in der über 300.000 Menschen getötet wurden und bis heute etwa zwei bis sechs Millionen Menschen auf der Flucht sind.

Nach Bekanntwerden dieser Gräueltaten wurde 2008 die gemeinsame Mission der Afrikanischen Union und der Vereinten Nationen, kurz UNAMID, ins Leben gerufen. Das Mandat von UNAMID umfasst die Überwachung des Friedensabkommens, den Schutz der Zivilbevölkerung, Gewährleistung humanitärer Hilfe, Stärkung der Polizei und die Unterstützung einer bürgernahen Polizeiarbeit.   

 

Dienstlicher Alltag nach strengem Reglement

Gearbeitet wird täglich, ohne Unterbrechung. Innerhalb der Außenstandorte, der sogenannten «team sites«, gehen Dienst und Freizeit fast fließend ineinander über, da man mit dem gesamten Team auf engem Raum zusammenlebt. Jeder Tag beginnt morgens um acht Uhr mit einer Funküberprüfung, dem »radio check«, einer morgendlichen Besprechung mit den Commandern der Polizei und des Militärs und dem gesamten Team und anschließender Streifenfahrt, aufgeteilt im Schichtbetrieb. Regelmäßige Meetings mit der örtlichen Polizei, verantwortlichen Stammesvertretern und Besuchen von Gefängnissen und dem Hospital stehen ebenfalls auf der Agenda zur konkreten Umsetzung des Mandats in Bezug auf die Überwachung der Einhaltung von Menschenrechten, Vertrauensaufbau zwischen der UN Police und der örtlichen Polizei sowie deren Schulung und die Stärkung des Sicherheitsgefühls der Bevölkerung.

 

Nah an den Menschen, um zu helfen

Während meiner ersten sechs Monate als Peacekeeper in Darfur habe ich, bis auf einen kurzen Zeitraum, in welchem ich als Trainerin internationale Standards im Bereich der Bearbeitung sexueller Gewaltdelikte vermittelt habe, fast ausschließlich operativ gearbeitet, indem ich zum Schutz der Zivilbevölkerung Patrouillen durch die Wüstenregion im Süden von Darfur gefahren bin. In der Realität heißt das: Man fährt mit seinem Konvoi durch die weite, sengend heiße Steppe, in der die Sonne erbarmungslos auf der Haut glüht, die Augen aufgrund des grellen Lichts schmerzen und in der die staubigen Straßen nur durch Reifenspuren im Sand angedeutet sind.

Mein Hauptfokus lag hier immer auf dem engen Kontakt zu den Dorfbewohnern, um ihr Vertrauen in die Polizei zu stärken. Gemeinsam mit meiner Dolmetscherin habe ich hierzu Gelegenheiten für die Dorfbewohnerinnen geschaffen, um ungestört von Frau zu Frau sprechen zu können, um ihnen zuzuhören, wenn sie mir berichteten, was sie erlebt haben.

Weitere Ziele waren die Steigerung der Bereitschaft zur Anzeige von Fällen häuslicher Gewalt und sexuell motivierter Gewaltdelikte, Selbstbewusstsein zu stärken und die Wichtigkeit von Bildung für Kinder hervorzuheben. Viele Kinder besuchen nicht die Schule und arbeiten auf dem Feld oder hüten die Tiere, um die Familie mit zu ernähren. Auf einer dieser Patrouillen traf ich mit meinem Team auf ein etwa sechs Jahre altes Mädchen, das allein mit einer Herde Ziegen unterwegs war, um diese nach etwas Essbarem suchen zu lassen. Als Ermittlerin für Sexualdelikte und aufgrund meiner Erfahrung hier in Darfur schrillten dabei sämtliche Alarmglocken und erinnerten mich an den Bericht eines anderen Mädchens.

Die Neunjährige, war mit ihrer vierjährigen Schwester auf einem Esel unterwegs, um die Großeltern im Flüchtlingscamp zu besuchen. Zwei bewaffnete Männer ergriffen das Mädchen und befahlen ihr, von dem Esel zu steigen. Als das Mädchen sich weigerte, prügeln sie sie mit Stöcken von dem Esel und vergewaltigen sie in einem Busch vor den Augen der vierjährigen Schwester. Dies ist nur ein Beispiel und immer noch grausame Realität in Darfur. Die Täter gehören zu einer Reihe von Nomaden, welche für eine Vielzahl von Morden, Raubüberfällen und brutale Vergewaltigungen verantwortlich sind.

Obwohl die Zeit »on Patrol in the deep field«, wie es hier heißt, für mich eine intensive und erlebnisreiche Zeit mit engem Kontakt zur Bevölkerung und der örtlichen Polizei war, habe ich mich nach dem Prinzip des lebenslangen Lernens und der Weiterentwicklung dazu entschlossen, mich innerhalb der UN auf eine ausgeschriebene Stelle im Office für »Reform & Restructuring« als „Community Programme Coordination Officer“ zu bewerben. 70 Prozent der administrativen Polizeiarbeit der Mission laufen über diese Einrichtung. Dort war ich unter anderem zuständig für die Koordinierung gesellschaftlicher Belange, unserer Büros für sudanesische Polizei und der »Gender Unit«, also aller Themen, die mit der gesellschaftlichen Rollenverteilung zu tun haben. Telefon- und Videokonferenzen mit unserem Frauennetzwerk und mit sämtlichen anderen UN-Missionen, ausgehend vom UN-Hauptquartier in New York mit dem gemeinsamen Ziel, Stigmatisierung aufzuheben und gemeinsam Frauenrechte zu stärken, gehörten ebenfalls zu meinen Aufgaben.

 

Das Training macht sich bezahlt

Für einen derartigen Einsatz in einem Krisengebiet muss man körperlich und mental gut vorbereitet sein. Bildlich vor Augen habe ich auch eine Situation, als wir nach einer längeren Patrouille auf dem Rückweg in unser Camp waren. Ein Mann in einem weißen, traditionellen Gewandt sprang plötzlich direkt vor unseren Wagen auf die Straße. Die pure Verzweiflung stand ihm ins sonnengegerbte Gesicht geschrieben. In einer Mischung aus wütendem Schimpfen und verzweifeltem Flehen schrie er uns förmlich an, wir müssten endlich etwas tun, er brauche Geld und Materialien, um sein Haus für die kommende Regensaison zu präparieren. Seine Frau sei gestorben und er sei allein für seine Kinder verantwortlich. Seine Herde Kühe sei ihm gestohlen worden und nun bliebe ihm nichts mehr, um seine Familie zu ernähren.

In diesem Moment erinnerte ich mich an ein Vorbereitungsseminar in Brühl, in dem wir genau solche Szenen durchgespielt haben. Das Landesamt für Ausbildung, Fortbildung und Personalangelegenheiten (LAFP NRW) in Brühl ist das einzige Fortbildungsinstitut weltweit, das für seine Trainings von der EU und der UN zertifiziert ist. Während des gesamten Auswahl- und Vorbereitungsverfahrens wird ein hoher Qualitätsstandard sowohl verlangt als auch vermittelt.

 

Mit dem Nötigsten versorgt

Wir wohnen in einfachen, garagenartigen Containern und verpflegen uns eigenständig. Während man im Missionshauptquartier in El Fasher den Luxus einer eigenen Nasszelle mit Dusche und WC genießt und die Möglichkeit hat, sich in einem Shop mit Nahrungsmitteln einzudecken und in einer Kantine zu essen, ist man auf den »team sites« ganz auf sich gestellt. Einmal pro Woche müssen wir uns auf dem lokalen Markt mit den nötigsten Dingen des täglichen Bedarfs eindecken. Angeboten werden begrenzte Sorten Gemüse und Obst sowie lebende und bereits geschlachtete Ziegen und Hühner. Das Schlachten von Tieren innerhalb der »team site« ist durchaus üblich. Gegrillt wird dann auf einem Stück Metallzaun auf einem Loch in der Erde. Wer nicht über eine eigene Herdplatte zum Kochen verfügt, kann die Gemeinschaftsküche nutzen. Allerdings muss man als durchschnittlicher Mitteleuropäer schon hartgesotten sein, denn die hygienischen Bedingungen sind teilweise schon bedenklich.

In meiner Freizeit habe ich mich regelmäßig mit Laufen ?t gehalten, war mit dem Reinigen meiner Unterkunft beschäftigt, welche durch den feinen, roten Sand ständig zu gestaubt wurde und habe mit meinen internationalen Kollegen gemeinsam gekocht, zusammen gesessen, Kaffee getrunken und mit ihnen geplaudert. In dieser Einfachheit sind viele Freundschaften entstanden und ich bin überzeugt, einige Kollegen irgendwo auf der Welt wieder zutreffen.

Die UN steht für mich nicht nur für den Dienst am Menschen während der Dienstzeit, sondern für ein Brückenbauen zwischen den Nationen und den Aufbau eines weltweiten Netzwerks unterschiedlichster Kulturen über den dienstlichen Alltag hinaus. Hier werden belastbare internationale Bande geknüpft. Natürlich darf dabei so mancher »Trikottausch« von unseren dienstlichen Hemden und Dienstwappen als ewiges Andenken an unsere gemeinsame Zeit als Peacekeeper in Darfur nicht fehlen.