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Mit Händen und Füßen

Flyer statt Kontrolle: Martina Habeck und Markus Piotti informieren über Hilfsangebote.
Mit Händen und Füßen
Martina Habeck und Markus Piotti vom Polizeipräsidium Münster betreuen ukrainische, russische und belarussische Trucker auf Rastplätzen. Nur ein Beispiel von vielen, wie die Polizei NRW in Tagen des Krieges hilft
Streife-Redaktion

Der Parkplatz Settel an der Autobahn A1 ist bei Lkw-Fahrerinnen und -Fahrern aus ganz Europa beliebt und bekannt. „Rest area A1/E37 Settel is located at the town of Lengerich in Germany. You can park your truck in the parking area as a stopover“, heißt es auf dem Fernfahrerportal app.truckparkingeurope.com. Martina Habeck und Markus Piotti wissen also genau, wo sie an diesem Morgen Station machen müssen. Die beiden sind Mitglieder der Verkehrsunfallprävention beim Polizeipräsidium Münster und unterwegs, um Lkw-Fahrern aus den Kriegsländern Ukraine und Russland sowie aus dem Aufmarschgebiet Belarus zu helfen. Denn die sind zu Tausenden auf Europas Autobahnen unterwegs.

Auf dem Parkplatz Settel parkt ein Lastwagen mit ukrainischem Kennzeichen. Die Vorhänge sind zugezogen, Schlafkabine. „Wir haben uns erst gar nicht getraut, zu klopfen. Aber dann dachten wir, wenn man Hilfe anbieten möchte, kann man immer stören“, berichtet Martina Habeck. Tatsächlich, die Beifahrertür wird geöffnet. Vor den beiden sitzt ein etwa 50-jähriger Trucker, den Kopf in beide Hände gestützt, blickt er aus feuchten Augen die beiden uniformierten Deutschen ratsuchend an. „Mit Händen und Füßen, Gestik, Mimik und ein paar Sätzen in Englisch konnten wir herausfinden, dass es dem Mann grundsätzlich gut geht. Er war schlichtweg sehr verzweifelt. Der Krieg in seiner Heimat, die Bilder, die er hier gesehen hat, die Informationen von seiner Familie machten diesen harten Burschen völlig fertig“, sagt die Beamtin rückblickend. Ukrainische Lkw-Fahrer sind kernige Typen. Aber hier saß eher ein Häufchen Elend.

Nach dem zugegebenermaßen schwierigen Gespräch mit dem ukrainischen Trucker verabschiedet sich das Münsteraner Team mit dem guten Gefühl und der Hoffnung: „Den Mann können wir nun allein lassen, möglichweise haben wir ihm von seiner Angst und Einsamkeit ein wenig nehmen können.“

Solche Begegnungen gibt es für das Münsteraner Team viele an diesem Tag. Und viele sehr positive Reaktionen auf den Besuch der Polizei in ihren Kabinen, die keine Fahrtenschreiber kontrollieren, sondern Hilfe anbieten wollen. Dabei zählt die Betreuung von Fernfahrern auf Autobahnrastplätzen nun wirklich nicht zu ihrem eigentlichen Aufgabengebiet. Die Polizeihauptkommissarin ist bei der Abteilung Unfallprävention/Opferschutz (VUP/O) für den Bereich der Prävention auf den Bundesautobahnen zuständig. Zugleich ist sie eine von vier Opferschützerinnen und -schützern und bildet gemeinsam mit dem Regierungsbeschäftigten und Sozialpädagogen Markus Piotti im Opferschutz ein interdisziplinäres Team.

 

Wie kam es also zu dieser besonderen und herausfordernden Aufgabe?

Kurzer Rückblick. Freitagmorgen, Frühbesprechung in der Dienststelle VUP/O des Polizeipräsidiums Münster. Normalerweise terminiert Dienststellenleiter Marc Belusa hier die Radfahrausbildung, Fußgängerführerscheine, Crash-Kurs NRW und andere verkehrspräventive Aktionen. Doch an diesem Morgen blickt er in die traurigen Gesichter seiner Kolleginnen und Kollegen. Es ist der 25. Februar. Der Tag, an dem Putins Truppen den souveränen Nachbarstaat Ukraine mit 200 Raketen beschießen und Panzerverbände die Grenzen überschreiten. „Wir müssen was tun, wir müssen irgendwie helfen!“, unterbricht dann einer der Kollegen die Stille. Ein reges Brainstorming beginnt, viele Ideen schwirren durch den Raum. Allen ist klar: Der Leitspruch „Die Polizei, dein Freund und Helfer“ soll mit Leben gefüllt werden.

Wie ist schnell klar. „Um Weihnachten herum hatten wir für Lkw-Fahrer ein Sorgentelefon geschaltet. Da wir coronabedingt keinen Fernfahrerstammtisch organisieren konnten, sollte über diese Hotline Fahrern fern von ihren Familien Beratung und Unterstützung vermittelt werden“, erklärt Martina Habeck. Genau dieses Sorgentelefon kommt nun wieder zum Einsatz. „Uns war klar, dass wir als Polizei nicht für alle Probleme eine Lösung anbieten können“, erläutert Piotti. „Deswegen haben wir direkt Kontakt mit der Stadt Münster und unterschiedlichen Hilfsorganisationen aufgenommen, um ein breites Netzwerk im Rücken zu haben.“ So konnte das Sorgentelefon mit Verkehrssicherheitsberatern der Polizei, Sozialarbeitern und einem Dolmetscher für Russisch besetzt werden. Piotti hat vor seiner Zeit bei der Polizei viele Jahre selbst als Sozialarbeiter bei einem caritativen Verein gearbeitet und war in einem privatwirtschaftlichen Unternehmen unter anderem für Krisenintervention und betriebliche Sozialarbeit zuständig.

„Wir waren auf alles gefasst: ukrainische und russische Fahrer, die Todesängste um ihre Angehörigen ausstehen. Fahrer, die Angst haben, in ihre Heimat zurückzukehren, weil sie zum Militär eingezogen werden könnten und an die Front müssten. Fahrer, die ihre Handys nicht mehr nutzen können, da die Netzbetreiber ihre Dienste abgeschaltet haben. Fahrer, die nicht mehr weiterkommen, weil die Tankkarte nicht mehr benutzt werden kann oder der Lkw ein technisches Problem hat, die Firma in der Heimat aber nicht mehr erreichbar ist. Fahrer ohne Lebensmittel, weil das Bargeld ausgegangen ist und die Konten gesperrt sind.“ Piotti zählt viele Szenarien auf. „Natürlich könnte es auch zu Auseinandersetzungen zwischen russischen und ukrainischen Truckern auf den Rastplätzen kommen“, ergänzt Habeck. „Dafür haben wir uns direkt mit den Kolleginnen und Kollegen von den Autobahnpolizeiwachen kurzgeschlossen, damit sie in diese Richtung besonders aufmerksam bei ihren Kontrollen sind.“

Nun also das Sorgentelefon. Zusätzlich wird ein Flyer für ukrainische, russische und belarussische Lkw-Fahrer entworfen, damit sie von den Unterstützungsmöglichkeiten erfahren. Die gleichzeitige Verbreitung über Facebook erfährt eine riesige Resonanz. Wenige Tage später sind schon knapp 60.000 Personen über Social Media erreicht.

„Wir sind fast alle Rast- und Tankanlagen und Parkplätze abgefahren“, schildert Habeck. Dabei treffen sie auf zwei junge Männer aus Belarus in ihrer Fahrerkabine. Den Flyer brauchen die beiden nicht mehr. Sie lächeln und halten Habeck und Piotti einen Ausdruck aus Facebook entgegen. Was sehen sie? Ihre eigenen Fotos mit der Nummer des Sorgentelefons. „Wir haben uns riesig gefreut“, strahlt Habeck.

Über das Sorgentelefon meldeten sich viele Freiwillige, die helfen wollten. Wie ein Mann, der Ukrainer mit seinem Bus an den Rastplätzen kostenlos abholen wollte. Oder eine Frau, die anbot, Lebensmittel auf die Halteplätze an den Autobahnen zu bringen. Hilfe leisteten auch Nora Tomsik und ihr Kollege Daniel Dertenkötter von der Autobahnpolizeiwache Recklinghausen. Die beiden Polizeikommissare leiteten einen Kleinbus einer ukrainischen Familie nach einer Reifenpanne im Kreuz Recklinghausen auf der A43 zum nächsten Parkplatz. Genau dorthin, wo ihre Wache liegt. Natürlich wurde die Reparatur organisiert. Für die Erwachsenen gab es frischen Kaffee. Und für die Kinder hatte Nora Tomsik noch ein ganz besonderes Geschenk: einen Teddy.

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