Polizeinotruf in dringenden Fällen: 110

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Lars Erdmann besucht häufig die Asservatenkammer, damit die Gerichte die nötigen Beweismittel  erhalten.
Massendelikte und Megafälle
Hamm, am östlichen Rand des Ruhrgebiets gelegen, beherbergt das kleinste Polizeipräsidium in Nordrhein-Westfalen. Die Kolleginnen und Kollegen im Kriminalkommissariat 2 (Eigentumsdelikte und BTM) ermitteln alles – vom Ladendiebstahl bis zur schweren Bandenkriminalität
Streife-Redaktion

Für vieles gewappnet zu sein, erfordert ein breites Wissen“, sagt Linda Aßhoff. „Wir machen jeden Tag einen Spagat zwischen dem Abarbeiten von Massendelikten und dem Hineinknien in hoch komplizierte Fälle, die eine Menge Recherche erfordern.“

Die 42 Jahre alte Kriminalhauptkommissarin kennt die Vorurteile. Allroundern schlägt manchmal eine völlig ungerechtfertigte Geringschätzung entgegen. So etwas kommt in den meisten Organisationen vor. Gelegentlich auch bei der Polizei.

Davon lassen sich Linda Aßhoff und ihr Kollege Lars Erdmann nicht beirren. Der 28-jährige Kriminaloberkommissar, der seit fünf Jahren im KK 2 arbeitet, findet gerade den Wechsel vom Großen zum Kleinen und zurück sehr spannend. „Mal hat eine gesamte Ermittlungsakte zwölf Seiten und mal über 1.000. Das Umschalten macht gerade den Reiz aus.“ 

Dennoch sind die beiden Hammer Polizisten froh über die „Highlights“, auch wenn sie eine Menge Arbeit bereiten und einem auch noch nachts durch den Kopf gehen können. „Insgesamt ist die Vorgangsbelastung bei uns hoch“, so KK-2-Leiter Matthias Struhkamp. „Man muss schon organisiert sein, um das Tagespensum zu schaffen.“ 

Zumal die vorrangig zu erledigenden Haftsachen in diesem Jahr zugenommen haben. Insgesamt sind rund 20 Kolleginnen und Kollegen im KK 2 beschäftigt. Es gilt, den Überblick zu behalten und den kühlen Kopf nicht zu verlieren. 

Linda Aßhoff und Lars Erdmann wissen, dass das Tagesgeschäft weitergehen muss, auch wenn große Fälle warten. Was an Dringlichem liegen bleibt, müssten sonst die Kollegen übernehmen. Das möchte man niemandem zumuten. Vernehmungen, Durchsuchungen, all das kostet Zeit. 

„Ich versuche immer, so weit wie möglich zu kommen“, sagt Aßhoff, die aus Hamm stammt und nach mehreren Stationen 2020 wieder in ihrer Heimatstadt gelandet ist. „Hektik bringt gar nichts. Notfalls ist morgen auch noch ein Tag.“ Nach Jurastudium, Ausbildung, Autobahnpolizei und Dienst bei einer Wache in Dortmund entschloss sie sich 2013, zur Kriminalpolizei zu gehen. „Das hat mich gereizt und ich war froh, angenommen zu werden. Denn damals gab es noch reichlich Bewerber.“ 

Dass die Kripo im Augenblick weniger gefragt ist, wundert sie. Manche Polizisten glaubten, dort würden nur Einzelgänger hocken, vermutet sie. „Aber das ist völliger Quatsch. Wir sind hier ein Superteam.“ Sie mag Hamm. „Und die Menschen hier. Auch wenn alles auf den ersten Blick nicht gerade spektakulär erscheint.“ 

Die kriminalpolizeiliche Arbeit ist fraglos herausfordernd. Immer wieder warten auch „Megafälle“. Lars Erdmann, der 2018 zum KK 2 stieß, kann ein Lied davon singen. Da war zum Beispiel die Serie von Raubüberfällen auf vier Tankstellen und einen Kiosk im August 2020. 

"Der Täter war stets mit einem 30 Zentimeter langen Fleischermesser bewaffnet und trug ein Käppi mit der Aufschrift Captain America." 

Lars Erdmann, Kriminaloberkommissar in Hamm

Später haben die Ermittlungen ergeben, dass derselbe Mann auch noch sechs weitere Überfälle verübt hat, unter anderem in Waltrop und an der Ostsee. 

Erdmann trat mit dem Fall sogar beim ZDF in Aktenzeichen XY auf. „Die Beute lag insgesamt nur bei 3.000 bis 4.000 Euro“, stellt der Ermittler fest. „Dann riss die Serie nach einigen Wochen ab. Aber vielleicht kommt uns ja demnächst noch Kommissar Zufall zur Hilfe.“ Und tatsächlich: Nach einem entscheidenden Hinweis aus der Bevölkerung konnte im Oktober ein 38-Jähriger festgenommen werden und sitzt nun in U-Haft.

Auch der Raub eines 100.000 Euro teuren Porsche Cayenne landete auf Lars Erdmanns Schreibtisch. Maskierte Männer hatten in Hamm-Rhynern eine 26-Jährige mit einer Schusswaffe vor einer Pizzeria bedroht, als die Frau gerade ihren Pizzakarton auf den Beifahrersitz gelegt hatte. Nach Übergabe des Schlüssels flüchteten zwei der Männer mit dem Sportwagen, während sich die beiden Komplizen in ein anderes Fahrzeug setzten und ebenfalls davonrasten. Die sofort eingeleitete Großfahndung brachte zunächst keinen Erfolg. 

„Wir hatten uns aber über die Herstellerfirma die Nummer der SIM-Karte geben lassen, sodass wir das geraubte Auto orten konnten“, erzählt Erdmann. Eine mehrtägige Irrfahrt begann, die einem überdrehten Roadmovie ähnelte. Die jungen Kriminellen aus Ostwestfalen fuhren nach Amsterdam, um Drogen zu kaufen. Nach Stuttgart in ein Bordell. Und an die polnische Grenze für den Versuch, den geraubten Wagen loszuwerden. 

Schließlich wurden sie morgens um 2.45 Uhr in Bad Oeynhausen gestellt. Die Burschen stießen nach einem missglückten Wendemanöver gegen einen Polizeibulli und ließen sich dann widerstandslos festnehmen. Auch eine geladene Waffe und eine Sturmhaube befanden sich in dem Cayenne. 

„Für die Gerichtsverhandlung habe ich dann wichtige Asservate besorgt“, erläutert Erdmann. In dem geraubten Wagen waren Rauschgift, abgeschraubte Nummernschilder und unterwegs gekaufte Kleidung gefunden worden. Der Kriminaloberkommissar ließ auch das Navi ausbauen, sodass das gesamte Bewegungsprofil des Trios rekonstruiert werden konnte. Die beiden Haupttäter wurden hart bestraft: Der Ältere erhielt siebeneinhalb Jahre Gefängnis. Der Jüngere, der noch unter Jugendstrafrecht fiel, sechs Jahre. 

Ein weiterer großer Fall, den Linda Aßhoff federführend bearbeitet hat, wird gerade vor dem Landgericht Dortmund verhandelt. Ein in Kasachstan geborener Mann, der mehrfach mit Gewalt- und Eigentumsdelikten hervorgetreten ist, steht dort unter Anklage. Er war im Juni 2022 in der Wohnung seiner Lebensgefährtin festgenommen worden. 

Er wird beschuldigt, 2021 zusammen mit drei Komplizen ein Ehepaar im Hammer Süden nachts in ihrem Haus überfallen zu haben. Die Eindringlinge bedrohten die Opfer mit scharfen Schusswaffen und versetzten sie in Todesangst. Die Überfallenen haben schließlich Geld und Schmuck aus dem Tresor herausgegeben. Sie wurden gefesselt und in einen Kleiderschrank gesperrt und konnten sich befreien, als die Gangster das Haus verlassen hatten. 

Der 35 Jahre alte Tatverdächtige hat kurz vor dem Abschluss des Prozesses die Tat gestanden, wurde dann allerdings aufgrund der langen Untersuchungshaft entlassen und ist danach abgetaucht. Er wird aktuell mit U-Haft-Befehl gesucht. 

Linda Aßhoff ist darüber einigermaßen empört: „Das ist schrecklich.“ Sie hofft, dass sich der 35-jährige Angeklagte nicht einer Verurteilung entziehen kann. Auch eine weitere Person steht wegen des Überfalls in einem getrennten Verfahren vor Gericht. 

„Dieser Fall hat eine Nähe zur Organisierten Kriminalität und war so groß, dass ich anfangs dachte, wir müssten ihn abgeben“, erinnert sie sich. Umfangreiche Maßnahmen einschließlich der Sicherung von IT sowie der Einsatz von Spezialeinheiten seien eingeleitet worden. Lars Erdmann hat sämtliche Durchsuchungen mitgemacht und verfolgte etliche Hinweise. „Wir waren ein gutes Team“, sagt Aßhoff. Die DNA-Auswertung gestaltete sich zunächst zwar schwierig, war am Ende aber erfolgreich. 

Mitunter kann das kleine Polizeipräsidium sogar eine Ermittlungskommission auf die Beine stellen, auch wenn das reichlich Kapazitäten bindet. Zur Bildung einer EK entschloss man sich unter anderem, als eine in Hamm wohnhafte Bande 2020 und 2021 durch die Stadt und die Umgebung zog und Katalysatoren von Opel-Modellen abmontierte. Sie verkaufte die Teile zur Abgasnachbehandlung für gutes Geld an einen Hehler in Hamburg. Weil die Katalysatoren hochwertige Metalle enthielten, brachten sie pro Stück rund 500 Euro – manchmal mehr, als das Auto noch wert gewesen wäre. 

„Wir führten eine Telefonüberwachung bei einem Bulgaren durch“, teilt Aßhoff mit. Sie war damals Aktenführerin. Schließlich konnte man 51 Fälle auflisten, auch dank TÜ- und GPS-Daten.

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