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Kryptodealer enttarnt

Nach der Entschlüsselung codierter Handys können Abertausende von verdächtigen Mails, Videos, Fotos und Sprachnachrichten auf Tathinweise überprüft werden.
Kryptodealer enttarnt
Kreispolizeibehörden und LKA gelingt ein großer Schlag gegen die Drogenkriminalität in Europa.
Streife-Redaktion

Es ist schon erstaunlich, wie unverhohlen die Täter über schwere Straftaten miteinander kommunizieren“, sagt Kriminaloberrat Kai Ernst. Mit der Auswertung krimineller Chats auf der Plattform des Kryptohandyanbieters Encrochat hat die Polizei der Drogenkriminalität europaweit einen schweren Schlag versetzt.

Im Juni 2021 wurde die Besondere Aufbauorganisation (BAO) Forseti gegründet, um den Kryptodealern das Handwerk zu legen. „Doch das LKA und die Kreispolizeibehörden beschäftigen sich schon seit eineinhalb Jahren mit den Vorgängen“, berichtet der 43-jährige Beamte. „Zwar kennen wir die offenbarten Straftaten. Doch die Tatorte und die Täter ausfindig zu machen, ist eine herausfordernde und sehr komplexe Sache.“ Die Gangster hätten bei ihren konspirativen Kontakten höchstens Spitznamen verwendet und über die Schauplätze der verbotenen Geschäfte geschwiegen.

Kryptogeräte besitzen eine vorinstallierte Software und wirken selbst eingeschaltet wie normale Handys. Die zwielichtigen Kunden von Encrochat fühlten sich sehr sicher. Die Nutzer zahlten dem Anbieter, der seinen Betrieb inzwischen eingestellt hat, eine stattliche Halbjahresgebühr für die Verschlüsselung.

Behörden in Frankreich und den Niederlanden knackten jedoch das Programm nach entsprechenden Hinweisen und konnten 2020 monatelang den Austausch der Drogengangs abschöpfen. Die Ausbeute war gewaltig – auch für Deutschland. Das LKA NRW erhielt Zugriff auf diese Daten und koordinierte die Verteilung an die Kreispolizeibehörden. Über das Bundeskriminalamt wurden die Informationen an die verschiedenen LKÄ verteilt. Nun geht es darum, sie maximal nutzbar zu machen.

Die im November gezogene Zwischenbilanz kann sich – auch dank der sehr guten Arbeit der Kreispolizeibehörden – sehen lassen. 8,5 Kilogramm Kokain, 1,5 Kilo Heroin und 1,4 Tonnen Cannabis wurden in NRW sichergestellt. Dazu 55 Kilo synthetische Drogen und mehrere Tonnen Grundstoffe zu ihrer Herstellung. Außerdem stießen die Ermittler auf 74 Schusswaffen. 24 Millionen Euro Bargeld und 24 Pkws, darunter extravagante Luxusmodelle, hat man beschlagnahmt.

Aber die Jagd nach den Kryptohandytätern geht weiter. Die IT-Experten des BAO-Teams behandeln die Daten zunächst so, dass sie für alle lesbar werden. Spezialisten wie Melanie Plikat, stellvertretende Leiterin des BAO-Einsatzabschnitts Auswertung, gehen jedem kleinsten Hinweis nach. So kommen sie dem organisierten Verbrechen auf die Spur. Abertausende von Sprachnachrichten, Mails, Videos und Fotos werden unter die Lupe genommen.

Sie sind eine reiche Fundgrube. „Wir leisten hier kriminalistische Detailarbeit“, meint die Kriminalhauptkommissarin. „Um zum Ziel zu kommen, gehen wir mit äußerster Akribie vor. Auf diese Weise können wir immer wieder Personen identifizieren.“

Hat man den Namen eines Verdächtigen herausbekommen, wird eine Glocke geläutet. Das motiviert. Die findigen BAO-Rechercheure – insgesamt 14 Leute – arbeiten in einem großen Führungsraum eng zusammen, um sich schnell verständigen zu können. „Wenn konkrete Ansatzpunkte vorliegen, gibt das LKA den Fall über die zentrale Staatsanwaltschaft an ein Polizeipräsidium weiter, das dann den Vorgang gerichtsfest machen soll“, erläutert Kai Ernst.

Da die Banden mobil seien und in einem weit gespannten Netz operierten, müsse man sich für eine Dienststelle „nach dem Handlungsschwerpunkt“ entscheiden, erklärt er. Die behördeninterne Zusammenarbeit sei intensiv und fruchtbar. „In recht kurzer Zeit haben wir schon erstaunliche Ergebnisse erzielt.“

Mitunter ähnelt die Ermittlung einem Krimi. Kriminalkommissar Alexander Freitag, ein 30 Jahre alter Auswertespezialist der BAO, berichtet, wie er anhand von kryptierten Bilddateien das Wachsen und Gedeihen von Marihuana-Pflanzen in einer Kellerplantage beobachtete. „Schließlich konnte ich den Standort im Ruhrgebiet lokalisieren.“

Es erfolgte ein bundesweit koordinierter Zugriff. „Die Kollegen fanden insgesamt 40 Kilo Marihuana, säuberlich abgepackt in Säckchen, und 1.200 abgeerntete Blumenkübel.“ Freitag schätzt den jährlichen Mindestertrag allein dieser Pflanzung bei dreimaliger Ernte auf 140 Kilo. „Das würde rund 560.000 Euro auf dem Markt bringen. So was ist keine Kleinigkeit.“

Die BAO versucht nach Möglichkeit, gleich mehrere Beteiligte auf einmal abzugreifen. Die ersten gerichtlichen Verurteilungen hat es schon gegeben. Mittlerweile wurde mit Sky ECC ein weiteres Kryptonetzwerk enttarnt. Das FBI hat zudem den Kryptomessenger Anom gleich selbst betrieben und damit Millionen Chats abgeschöpft. „Eines ist sicher“, sagt Kriminaloberrat Kai Ernst, „uns wird die Arbeit sobald nicht ausgehen.“

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