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Profifußball: Letzter Abpfiff

Ex-Bundesliga-Schiedsrichter Guido Winkmann
Profifußball: Letzter Abpfiff
Seine Karriere endete, wo sie begann: in Berlin. Und das letzte Spiel war, wie er es liebte: eine Zitterpartie. Last-Minute-Sieg in der 92. Minute. Fangesänge. So ist Schiri Guido Winkmann (47) vom Rasen gegangen – nach 20 Jahren Profifußball.
Streife-Redaktion

Mai 2021. Der letzte Spieltag der Saison und das letzte Spiel, das Schiedsrichter Guido Winkmann gepfiffen hat: Union Berlin gegen RB Leipzig, 2:1. Hauptberuflich ist er Kriminalhauptkommissar beim LKA, Schwerpunkt Finanzierung organisierte Kriminalität. Die „Streife“ trifft ihn zwei Tage später in seinem Büro. „Mit 47 Jahren haben Sie die Altersgrenze im Fußball erreicht. Wie fühlt sich das an?“ Er hat mit der Frage gerechnet, lacht: „Es ist alles so frisch. Da sind noch viele Eindrücke. Auf jeden Fall fühle ich mich nicht alt.“

Dunkles Jackett, blaues Hemd, gegeltes Haar. „Darf ich Ihnen einen Kaffee bringen?“ Ist das der Schiri mit schwarzem Trikot, Headset und konzentriertem Blick, den man aus der Sportschau kennt? Foul, Pfiff, keine Diskussionen. Er nippt am Kaffee: „Natürlich bin ich im Büro ein anderer als auf dem Platz.“ Hier im Interview soll es aber hauptsächlich um Fußball gehen: Erinnerungen. Emotionen.

„Es gab Momente, da wusste ich schon Minuten später, dass ich eine riesengroße Grütze gepfiffen hatte.“ März 2012, Hertha gegen Köln: Gerangel, Rudelbildung. Podolski fliegt vom Platz. „Ich stand eine Woche in der ,Bild‘, bekam Morddrohungen“, erinnert sich Winkmann. Neun Jahre ist das jetzt her, aber so was vergisst man nicht. Es war eine hitzige Partie. In der 76. Minute kommt die Info vom Assistenten: Nummer 10 hat seinen Gegner gewürgt. Der Unparteiische greift zur Roten Karte. Kameras halten den Moment fest: den Pfiff, die Empörung der Spieler, die Buhrufe der Fans.

Später ergab die TV-Analyse: Es war eine Fehlentscheidung. Die Schiedsrichter mussten vor dem DFB-Sportgericht erscheinen. Wie hält man so viel Druck aus? Winkmann sagt: „Wenn man mitten im Zirkus steckt, muss man reagieren – sofort. Da passieren Fehler. Es ist wichtig, dass die Führung hinter einem steht.“

Wie bei der Polizei. „Wir müssen uns auch aufeinander verlassen“, sagt der Kommissar, der 1993 zwei Karrieren parallel startete: bei der Polizei in Linnich und auf einem Rasen am Niederrhein bei Nütterden, Kreisliga A. 2001 wechselte Winkmann zum LKA. Da war er bereits Assistent in der 2. Liga. Neun Jahre später der nächste Sprung: Abteilung 1, Organisierte Kriminalität. In dem Jahr pfiff er 28 Bundesliga-Spiele, 15 davon im Oberhaus.

Googelt man den Namen Guido Winkmann, ploppen Tausende Bilder und Artikel auf. Etwa 2015, Frankfurt gegen Paderborn: Marvin Bakalorz rennt ihn über den Haufen. „Bild“ fragte: „Wie kann man einen Schiri übersehen?“ Oder 2018, Kellerduell Mainz gegen Freiburg: Winkmann holt die Mannschaften in der Halbzeit aus der Kabine und lässt einen Elfmeter schießen. Die Videoassistenten aus dem Kölner Keller hatten ihn erst nach Abpfiff informiert. Die Fußballwelt ist verwirrt. Korrekt oder nicht? Winkmann blieb dabei: „Handspiel. Die Entscheidung war richtig.“

161 Spiele hat er im Oberhaus gepfiffen, bei 500 weiteren Profispielen war er dabei. Da gibt es viel zu erzählen: von Siegen und Niederlagen, bebenden Stadien, glückseligen und trauernden Fans. Unvergessen auch Erlebnisse, die keine Schlagzeilen machten. Mai 2010: Aufstiegsspiel Greuther Fürth gegen St. Pauli. Da ist Winkmann Vater geworden. Mehr will er nicht sagen. Sein Privatleben ist tabu. Er wird auch einsilbig, wenn es um seinen Job geht. Nur so viel: Er ist Sachgebietsleiter der neuen Task Force, die Kindergeldbetrug aufdeckt. Dafür hat er gemeinsam mit einem Team das Projekt „Missimo“ entwickelt, das Daten von Jugend-, Schulverwaltungs- und Einwohnermeldeämtern abgleicht.

Freitag spät aus dem Büro, den Flieger kriegen. Samstag in irgendeinem Stadion pfeifen. Während der Woche Intervall-, Koordinations- und Krafttraining. Die Schritte der Schiris werden gemessen. „Pro Spiel bin ich bis zu zwölf Kilometer gerannt.“ Wie hat er das alles auf die Reihe bekommen: Sport, Beruf, Familie?

„Man muss ein Organisationstalent sein“, sagt er. Aber auch Kompromisse machen: „Weil Schiedsrichter nicht in die Sportförderung kommen, gab es nie Sonderurlaub. Damit ich auch meine Familie mal sehe, arbeite ich Teilzeit – 30 Stunden.“

Und jetzt Sport-Rentner? Vor seinem Abgang wurde diskutiert, ob die Altersgrenze von 47 antiquiert ist. Drei Schiedsrichter wollten gern weitermachen. „Nach dem Corona-Jahr hätte ich mich gern vor einem vollen Stadion verabschiedet“, sagt Winkmann mit Wehmut. Und apropos Ruhestand. „Der ist weit entfernt. Ich mache als Video-Schiri im Kölner Video Assist Center weiter.“

Der Abschied vom Platz war trotzdem emotional. Vor dem Spiel ist Winkmann durch Köpenick geschlendert, hat von einer Brücke in die Spree geschaut und zu sich gesagt: „Im Leben enden alle Dinge.“ In seinem Kopf spulten sich die Highlights der vergangenen 20 Jahre ab: Spiele in Paris, Mailand, Lissabon, Donezk und Minsk. Fangesänge. La Olas. Euphorie. Enttäuschung. Hoffnung. Adrenalin.

Am 22. Mai um 15.30 Uhr war der Anpfiff zum letzten Abpfiff. Es gibt Fotos, die den Referee in einer rotschwarzen Spielertraube zeigen. Wilde Diskussionen. Die typische Winkmann-Mimik: konzentriert. In der zweiten Halbzeit hat er kurz gedacht: Gleich war’s das. 2.000 Union-Fans jubelten. „Ich pack die Pfeifen nicht mehr an“, sagt der Unparteiische, der es selten allen recht machen konnte. Bis heute stecken sie in der Tasche, die ihn 32 Jahre lang bei jedem Spiel begleitete. Beim letzten ist der Reißverschluss gerissen. „Ein Zeichen“, sagt Winkmann.

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