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Geldautomaten-Sprengungen werden gefährlicher

Geldautomatensprenger im Kreis Mettmann
Geldautomaten-Sprengungen werden gefährlicher
Die Ermittlungskommission Heat des LKA NRW geht erfolgreich gegen skrupellose Täter vor, die inzwischen vermehrt Sprengstoff einsetzen.
LKA NRW

Die Bekämpfung der Geldautomaten-Sprengungen stellt die Polizei in NRW immer wieder vor neue Herausforderungen. Wir haben es mit Tätern zu tun, die sich geschickt tarnen und sich seit Jahren unbeeindruckt von Festnahmen, hohen Haftstrafen, tödlichen Unfällen auf der Flucht und besser gesicherten Geldautomaten zeigen.

 

Marokkanisch-niederländische Tätergruppe mit sehr hoher krimineller Energie

Die Ermittlungen der EK Heat des Landekriminalamtes NRW ergaben, dass die Täter überwiegend aus marokkanischen-niederländischen kriminellen Gruppen stammen, die vorwiegend in und um Utrecht, Arnheim und Amsterdam leben. Die niederländische Polizei schätzt den Kreis auf rund 300 bis 400 Personen.

„Die Täter sind 18 bis 35 Jahre alt und verfügen über eine sehr hohe kriminelle Energie und Professionalität“, erklärt Thomas Jungbluth, Abteilungsleiter für Organisierte Kriminalität beim LKA. So haben die Täter umfangreiche Erfahrungen mit der Arbeit der Polizei gesammelt und reagieren äußerst sensibel auf polizeiliche Maßnahmen. Sie zeigen zudem eine hohe Adaptionsfähigkeit in ihrem Handeln. Strafprozessuale Verfahren werden von ihnen genau beobachtet und es gelingt ihnen häufig, Maßnahmen, die auf Grundlage unseres Rechtsystems getroffen werden, aufzudecken, so dass sie sich weiter professionalisieren können.

Nach der Tat flüchten die Kriminellen bevorzugt mit hochmotorisierten gestohlenen Autos der Marke Audi und zeigen ein extrem rücksichtsloses Fluchtverhalten. Sie erbeuteten auf diese Weise in den vergangenen Jahren etliche Millionen Euro. Gleichzeitig richteten sie in NRW Sachschäden in Millionenhöhe an - allein in diesem Jahr waren es bereits an die fünf Millionen Euro.

 

Sprengstoff statt Gas

Immer häufiger leiten die Täter nicht mehr Gas in die Geldautomaten, sondern greifen zu Sprengstoff. Während im vergangenen Jahr zehn Mal Sprengstoff zum Einsatz kam, waren es bis Ende Juni dieses Jahres bereits 49 Sprengstoffanschläge auf Geldautomaten, die allerdings nur in ca. der Hälfte der Fälle zum Erfolg führten. „Trotzdem bereitet uns gerade diese Tatausführung große Sorgen. Sie ist noch gefährlicher und kann zum Teil beträchtliche Gebäudeschäden verursachen“, macht Jungbluth deutlich. Er geht davon aus, dass das neue Vorgehen eine Reaktion auf die immer besser gesicherten Geldautomaten ist. Zuvor war eine zunehmend größere Anzahl von Gas-Attacken insbesondere ab April 2019 gescheitert.

Die Zahl der Sprengattacken auf Geldautomaten erreichte im ersten Halbjahr 2020 in Nordrhein-Westfalen einen neuen Höchststand: Die Kriminellen schlugen 106 Mal zu. In 62 Fällen scheiterten die Angriffe und es blieb beim Versuch. Im ersten Halbjahr des Vorjahres waren es noch 46 Taten. Damit hat sich ihre Zahl nicht nur mehr als verdoppelt, sondern bereits die Gesamtzahl des Vorjahres von 104 Attacken überschritten.

 

Erfolgreiche Ermittlungen der EK Heat

Mit Einrichtung der EK Heat hat das LKA NRW Ende 2015 die landesweite Koordinierung von Ermittlungsmaßnahmen und die einheitliche Ermittlungsführung zur polizeilichen Aufgabenwahrnehmung der Repression und Prävention übernommen. Schon 2015 hat die EK Heat den Schwerpunkt auf das Erkennen und Zusammenstellen von Tatserien gelegt, um personenorientierte Ermittlungen in Zusammenarbeit mit den niederländischen Ermittlungsbehörden durchführen zu können. Daneben war von Anfang an klar, dass neben diesen Ermittlungen eine starke Prävention unter Einbeziehung der positiven Erfahrungen der niederländischen Polizei und Banken notwendig ist.

„Die Erfolge unseres Ansatzes sind beeindruckend. Mit Beteiligung der EK Heat konnten seit 2015 insgesamt 122 Tatverdächtige in NRW und in den Niederlanden festgenommen werden. Dies geschah zum Teil auf frischer Tat, nach Fahndung aber auch nach sehr umfangreichen Auswertungen und Analysen“, erläutert Ulrike Herbold, Leiterin des Dezernats für Organisierte Kriminalität im LKA.

Neben Festnahmeerfolgen noch während der Flucht in Ratingen, Essen und Hagen erfolgten Festnahmen auch durch langwierige Ermittlungen der Kreispolizeibehörden (z.B. Köln EG Rush). Auch Festnahmen auf frischer Tat und aufgrund von EU-Haftbefehlen setzte die EK Heat mehrfach um. 2017 war man mit einer Festnahme auf frischer Tat in Löhne erfolgreich. Einen weiteren Treffer landete die EK Heat 2018 nach einer Sprengung in Castrop-Rauxel. Besonders erfolgreich war die EK Heat mit einer am 12. April 2019 geplanten Festnahme von vier Beschuldigten nach einer versuchten GAA-Sprengung in Heiligenhaus (Kreis Mettmann). Im Nachgang konnten drei weitere Täter in den Niederlanden über EU-Haftbefehle festgenommen werden. Das Hauptverfahren, in dem den Tätern in der Anklageschrift bis zu sieben Taten vorgeworfen werden, läuft derzeit vor dem Landgericht Düsseldorf.

 

NRW ist Vorbild für die bundesweite Konzeption GAA-Sprengungen

Die EK Heat hat sich in NRW und über NRW hinaus als zentraler Ansprechpartner für das Kriminalitätsphänomen GAA-Sprengung etabliert. Dies gilt in besonderem Maße für die Koordinierung von operativen Maßnahmen und Ermittlungsschritten mit den niederländischen Ermittlungsbehörden, da niederländische Tatverdächtige die Grenze vorwiegend im Bereich NRW übertreten.

Bundesweit hat die EK Heat inzwischen einen Expertenstatus erreicht, der zu zahlreichen Anfragen aus anderen Ländern führt. Die in vielen kontroversen Gesprächen entstandene Konzeption stand Pate für die inzwischen durch die Bund-Länder-Arbeitsgruppe GAA-Sprengungen erarbeiteten jetzt bundesweit gültigen Rahmeneinsatzkonzeption GAA-Sprengungen. Das hoch professionelle, den neuen Begebenheiten angepasste Agieren der Täter aus den Niederlanden stellt die Polizei NRW auch hier vor die ständige Herausforderung, die erarbeiteten Konzeptionen zu evaluierten und entsprechend anzupassen.

 

Entwicklung der GAA-Sprengungen in NRW

In Deutschland wurde erstmals 2005 in Köln ein Geldautomat (GAA) durch Einleiten und Zünden explosiver Gasgemische gesprengt. Einen deutlichen Anstieg der Fälle verzeichnete NRW seit 2015, weil sich dieses Phänomen durch Verdrängung aus den Niederlanden in das deutsche Grenzgebiet in den Raum Aachen verlagerte. Die niederländische Polizei hatte mit den dortigen Banken (insgesamt vier Bankinstitute) ein umfangreiches Präventionskonzept zur Sicherung von Geldautomaten erarbeitet und so die Tatgelegenheiten erheblich minimiert. Daneben sind aber auch andere Tätergruppen z.B. aus dem osteuropäischen Raum und sogenannte Nachahmer unterwegs, die aber in NRW derzeit keinen Schwerpunkt darstellen.

Als die niederländischen Täter Mitte 2019 in nur 50 Prozent der Sprengungen erfolgreich waren, weil die Banken ein umfangreiches Sicherungskonzept zumindest an einem Großteil der Automaten umgesetzt hatten, wichen sie auf freistehende Geldautomaten aus. Diese Automaten befinden sich in sogenannten Pavillons, sind in Tankstellen, in Verbrauchmärkten sowie in Spielhallen oder anderen Außenwänden angebracht. Der Automat ist damit nur in sich gesichert und wird nicht zusätzlich durch ein weiteres Behältnis oder eine Umbauung geschützt. Die Hälfte der bisher in 2020 verzeichneten Sprengungen wurde an diesen Automaten ausgeführt. Die Betreiber hatten diese Geräte in der Zwischenzeit vermehrt aufgestellt. Dazu gehören nicht nur Banken sondern auch andere Unternehmen, die für die Bereitstellung von Bargeld an oder in Konsumbereichen durch ihre Gebühren viel Geld verdienen.

 

Prävention setzt auf die Sicherung der Geldautomaten und der Standorte

Im Oktober 2015 hat das LKA NRW die ersten Handlungsempfehlungen für Betreiber von Geldautomaten herausgegeben. Aufgrund eigener Erkenntnisse, dem Informations- und Erfahrungsaustausch mit den Herstellern von Geldautomaten, den Herstellern von Sicherheitstechnik, Vertretern der Versicherungsbranche, den deutschen und niederländischen Banken sowie der niederländischen Polizei hat das LKA NRW diese Handlungsempfehlungen fortlaufend aktualisiert.

Diese Erkenntnisse sind im März 2019 durch die Projektgruppe Geldautomatensprengungen der Polizeilichen Kriminalprävention des Bundes und der Länder in den bundesweit gültigen Maßnahmenkatalog zur Sicherung von Geldautomaten eingeflossen und von der Innenministerkonferenz verabschiedet worden. Alle Betreiber wurden dabei regelmäßig auf die Gefahren durch die Sprengangriffe hingewiesen und eindringlich zur Umsetzung von Sicherungsmaßnahmen aufgefordert. Inzwischen sind die Geldautomaten in den Eingangsbereichen der Banken so gut gesichert, dass die Versuchsquote auf über 50 Prozent anstieg.

Mit dem Ausweichen der Täter auf weniger gesicherte Geldautomaten veränderte sich der Fokus der Präventionsanstrengungen. Das LKA NRW hat im April 2020 Gespräche mit dem Handelsverband NRW geführt, der als Arbeitgeber- und Wirtschaftsverband die Interessen von über 100.000 Einzelhandelsbetrieben vertritt. Den angeschlossenen Verbänden hat der Handelsverband NRW ein vom LKA NRW erstelltes Infoblatt „Risiken durch die Sprengungen von Geldautomaten - Hinweise für die Vermieter von Stellflächen für den Betrieb von Geldautomaten“ mit dem Ziel bereitgestellt, die Vermieter für die Risiken durch schwach gesicherte Automaten zu sensibilisieren. Im Ergebnis soll zur Vermeidung von Kollateralschäden, das Aufstellen nur dann zugelassen werden, wenn eine ausreichende Sicherung vorhanden ist.

Nach Gesprächen mit dem Rheinischen Sparkassen und Giro Verband und dem Sparkassenverband Westfalen Lippe hat das LKA NRW im Mai 2020 das von der Innenministerkonferenz verabschiedete Dokument „Maßnahmen zur Sicherung von Geldautomaten“ vom 11. März 2019 aus Sicht des Landeskriminalamts NRW mit einer Handlungsempfehlung über den Betrieb von Geldautomaten an sogenannten Risikostandorten fortgeschrieben und über die Bankenverbände bundesweit gesteuert. Die Sparkasse Köln-Bonn hat so bereits 13 Automaten vorübergehend stillgelegt. Nach derzeitigem Stand werden andere dem Vorstoß von Köln/Bonn vermutlich folgen. Das LKA NRW führt darüber hinaus Gespräche mit den Sachversicherern der Betreiber von Geldautomaten, um auf die erhöhte Gefährdung der durch die Kreispolizeibehörden in NRW identifizierten Risikostandorte hinzuweisen. „Ziel ist die Sensibilisierung des Sachversicherers auf den Betreiber der Geldautomaten einzuwirken, um den Standort nach Vorgaben des Sicherungskonzeptes nachzurüsten oder ihn gegebenenfalls aufzugeben. Wir wollen so konsequent die Tatgelegenheiten reduzieren“, erläutert Ulrike Herbold, Leiterin des Dezernats für Organisierte Kriminalität im LKA.

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