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Geldautomaten: Sprengung 3.0

Im Vorraum einer Bankfiliale wurde der Geldautomat aus der Wand gesprengt
Geldautomaten: Sprengung 3.0
Professionalisierung der Täter hat nächste Stufe erreicht.
Streife-Redaktion

Am frühen Morgen des 17. Juni wachen Anwohner der Eggerscheidter Straße in Ratingen von einem lauten Knall auf. Es ist 3.44 Uhr. Zeugen sehen, wie zwei Männer aus einer Commerzbank-Filiale in einen dunklen Audi stürzen, wo eine dritte Person am Steuer auf sie wartet. Dann rast der Wagen in Richtung A 3 davon. Es ist in diesem Jahr die 98. Sprengung eines Geldautomaten in Nordrhein-Westfalen. Die Polizisten der 2015 beim Landeskriminalamt eingerichteten Ermittlungskommission (EK) „Heat“ schätzen, dass es in diesem Jahr zu einem neuen Höchstwert von an die 200 solcher Vorfälle in NRW, trotz aller Anstrengungen bei der Bekämpfung des Phänomens, kommen könnte. (Stand Juli 2020)

 

"Fluide" Täternetzwerke aus den Niederlanden

Die Ermittler stufen die Delikte nicht als Serie ein, die einer einzigen Gruppe zugeordnet werden kann. Von einem „Kriminalitätsphänomen“ spricht das LKA. Die Täter kommen aus den Niederlanden und arbeiten mit immenser krimineller Energie. Ihr Hauptbetätigungsfeld hat sich von Holland nach Nordrhein-Westfalen verlagert. Sie profitieren von einem „fluiden“ Netzwerk, in dem zahlreiche Absprachen getroffen werden. So engagiert man häufig dieselben Anwälte und „Dienstleister“, zum Beispiel Logistiker für die Beschaffung der Tatfahrzeuge.

Längst ist der Beutezug im zweistelligen Millionen-Euro-Bereich zur Herausforderung für den Rechtsstaat geworden. „Wir müssen den Weg zum Geld noch besser verstellen“, fordert Ulrike Herbold, seit April 2016 Leiterin des LKA-Dezernats 11 (Organisierte Kriminalität). Dabei ist in den vergangenen fünf Jahren schon eine Menge geschehen, auch bei der Prävention. „Wir haben dabei auch von unserem Nachbarland gelernt“, teilt die Kriminaldirektorin mit.

 

Im Fokus freistehende Geldautomaten in Deutschland

In den Niederlanden ist es für die potenziellen Täter heikel geworden. „Da stellen ein paar große Banken die Automaten in geschlossenen und mittlerweile gut gesicherten Räumen auf. Nach 23 Uhr wird dann kein Geld mehr ausgegeben“, erklärt Herbold. Der harte Kern der Szene stammt aus den Ballungsräumen um Utrecht und Amsterdam. In ihrem Heimatland attackieren die Gangster die Geldautomaten nur noch recht selten.

Lieber kommen sie nach Nordrhein-Westfalen und in andere Bundesländer. „Im Fokus stehen in diesem Jahr die Geldautomaten an Außenwänden und die freistehenden ungeschützten Exemplare in Pavillons, Tankstellen, Verbrauchermärkten oder Spielhallen. Darauf entfallen derzeit die Hälfte der Sprengungen“, bilanziert Ulrike Herbold. Nachdem die Niederländer ihre Vorkehrungen zum Schutz der Geldautomaten erhöht hatten, kam es vor fünf Jahren zu einem starken Anstieg der Fallzahlen in Nordrhein-Westfalen.  Besonders ein bestimmter deutscher Geldautomatentyp erwies sich als anfällig für Explosionen, die mit einem Gasgemisch ausgelöst wurden.

Bis die deutschen Finanzinstitute eingesehen hatten, dass man es den kriminellen Trupps schwerer machen muss, dauerte es. Das sei in Teilen nachvollziehbar, erzählt Herbold. Schließlich koste die Nachrüstung von Geldautomaten, der Einbau von Nebelanlagen und Farbkartuschen zur Geldmarkierung oder die Abschottung der Vorräume eine Menge Geld.

Doch der Druck auf die Betreiber von Geldautomaten stieg, auch vonseiten der Öffentlichkeit und der Versicherungen. Die hochgefahrenen Sicherungsmaßnahmen führten zwischenzeitlich in NRW zu sinkenden Fallzahlen. Doch schnell passten sich die zwischen 18 und 35 Jahre alten hoch professionellen Täter – ein Kreis von bis zu 500 Leuten – den neuen Entwicklungen an.

 

Sprengstoff statt Gasgemisch

„Wegen des optimierten Schutzes setzen sie mehr und mehr Sprengstoff ein“, berichtet Gerd Heitzer. Der Rheinländer ist der Leiter der Ermittlungskommission „Heat“. Der Sachschaden nimmt genauso zu wie der Anteil der vergeblichen Versuche. Er liegt inzwischen bei 62 Prozent.

„Die Explosionen sind gefährlich“, stellt der erfahrene Erste Kriminalhauptkommissar (EKHK) fest. Seit 1990 ist er für das Dezernat 11 tätig. In Bonn hat es Ende April erstmals einen unbeteiligten Leichtverletzten gegeben. Direkt hinter dem weggesprengten Service-Point einer Sparkasse lag ein Kinderzimmer. „Es ist ein Wunder, dass bei den regelmäßig weit umherfliegenden Splittern, Metallteilen und Fassadenbrocken bislang noch nicht mehr passiert ist“, meint der leidenschaftliche Ermittler. „Das Ganze wird immer unkalkulierbarer.“

 

Neue Tätergruppen wachsen nach

Die meisten Täter besitzen einen niederländischen Pass und sind marokkanischer Herkunft. „Viele sind in denselben Stadtvierteln aufgewachsen und kennen sich schon seit ihrer Kindheit“, erläutert Gerd Heitzer. Mit ihrem Geld, der modischen Kleidung und den teuren Wagen gelten sie in ihrer Subkultur als cool und werden von vielen männlichen Jugendlichen wie Helden verehrt.

Fahndungserfolge gibt es reichlich. Gerade erst Ende Juni begleiteten Beamte der EK „Heat“ ihre niederländischen Kollegen bei einer Festnahme in Den Hoorn bei Delft. Dem Beschuldigten werden zwei Geldautomatensprengungen am 27. Februar im hessischen Bad Vilbel und am 28. März in Wuppertal zur Last gelegt. „Es wachsen jedoch immer neue Tätergruppen nach, oft aus der eigenen Familie“, beschreibt der 59-Jährige das Dilemma. „Wichtig ist eine harte Bestrafung“, findet Heitzer. „Das schreckt ab.“

Die Vorgehensweise der Täter ist eingespielt und folgt bestimmten Mustern. Um vor Gericht im Falle einer Festnahme günstig davonzukommen, wird grundsätzlich auf eine Bewaffnung verzichtet. Eingesetzt werden mit Vorliebe gestohlene Audi RS 6, die bei einer Flucht schon mal bis weit über 250 Stundenkilometer hochgejagt werden.

Dass jetzt immer mehr kleinere Finanzdienstleister in Deutschland kaum gesicherte Außenautomaten aufstellen, findet Ulrike Herbold „kontraproduktiv“. Das erleichtere den Gangstern den Zugriff und gefährde letztendlich Menschen. Derzeit führt das LKA Gespräche mit dem Handelsverband NRW und den Geldautomatenbetreibern in NRW, um auf die Risiken hinzuweisen.

Als die Welle der Geldautomatensprengungen nach Nordrhein-Westfalen überschwappte, gab es zunächst reichlich Nachahmer. Phasenweise machten sie 50 Prozent der Täter aus. Doch es fehlte das Know-how. Häufig blieb es beim Versuch, wie bei einer Bande vom Niederrhein, die bei etlichen Versuchen keinen einzigen Cent erbeutete. Trotzdem verurteilte das Landgericht Kleve die beiden Haupttäter zu hohen Gefängnisstrafen.

 

Sie tarnen sich wie Chamäleons

Die Niederländer gehen dagegen sehr professionell vor, so Ulrike Herbold. Um sich einer Überwachung zu entziehen, wird die Elektronik der Tatfahrzeuge ausgebaut. Garagenmeister checken, ob die Wagen sauber sind. Auch eine Sichtobservation durch Spezialkräfte wird häufig enttarnt. Die Kommunikation untereinander erfolgt über Messenger-Dienste oder kryptierte Endgeräte. „Sie tarnen sich wie Chamäleons“, resümiert die 52 Jahre alte Kriminaldirektorin.

 

Immer wieder werden Täter auf frischer Tat ertappt

Die Kooperation mit den niederländischen Partnern erfolgt grundsätzlich in Spiegelverfahren, die in beiden Ländern gleichzeitig gegen dieselben Beschuldigten eingeleitet werden. In einem Fall ist es gelungen, die Ermittlungen in einem JIT (Joint Investigation Team) abzuarbeiten. In beiden Varianten verläuft die Zusammenarbeit vollkommen unbürokratisch. Die EK „Heat“ ist für die Niederländer der erste Ansprechpartner bundesweit. Mit hohem Engagement und vielen Ideen hat die Ermittlungskommission maßgeblich dazu beigetragen, dass schon Dutzende Personen verurteilt werden konnten.

Ein Schwerpunkt lag von Anfang an auf dem Erkennen und Zusammenstellen von Tatserien. „Es ist immer wieder gelungen, die konspirativ vorgehenden Täter auf frischer Tat zu ertappen“, lobt Ulrike Herbold. „Die EK ,Heat‘ hat sich bundesweit als zentraler Ansprechpartner etabliert“, sagt die Kriminaldirektorin mit Stolz.

Sorgen bereiten dem LKA in Düsseldorf, dass die Niederländer ihre Prioritäten neu setzen. Aufgrund der dramatisch gesunkenen Fallzahlen im Nachbarland wird ein Großteil der bislang 45 Ermittler abgezogen. „Wir werden in Zukunft auf so manche Information von dort verzichten müssen“, vermutet Ulrike Herbold. „Aufgeben ist für uns aber keine Option.“ Die Beamtin setzt neben den bisher erfolgreichen täterorientierten Ermittlungen auf verstärkte Prävention der Geldautomatenbetreiber und hofft, dass die forcierte Digitalisierung auch hierzulande den bargeldlosen Zahlungsverkehr puscht. Ein Großteil der Geldautomaten würde dann nicht mehr gebraucht.

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