Polizeinotruf in dringenden Fällen: 110

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Die Nacht, die keiner vergisst

Hochwasser und Starkregen
Die Nacht, die keiner vergisst
Das Hochwasser im Juli hat bei den Polizistinnen und Polizisten in Nordrhein-Westfalen Bilder hinterlassen, die sich ins Gedächtnis eingebrannt haben. Sie trotzten den Naturgewalten, verhinderten Chaos und retteten Menschen. Nicht selten unter Einsatz ihres eigenen Lebens.
Streife-Redaktion

Wann das Licht ausging? Polizeihauptkommissar Jörg Schmidt (63) weiß es nicht mehr: „In so einer Nacht guckt doch keiner auf die Uhr.“ Plötzlich war es stockfinster. Das Notstromaggregat im Keller war abgesoffen, auch der Server für die Funkanlage und den Computer. Alles tot. Draußen vor dem Fenster der Wache in Schleiden schossen Sturzfluten vorbei. Reifen, Holzpaletten, Gartenstühle, ein Auto drehten sich in den Strudeln. „Ein Fluss, so breit wie der Rhein“, erinnert sich Schmidt, der in der Nacht zum 15. Juli Dienst hatte.

Im Funzel-Licht einer Taschenlampe sah er matschig-gelbes Wasser, das durch die Außentür drückte, drei Stufen hoch. Im Hinterhof schrillte und blinkte die Alarmanlage eines Kripo-Autos. Und über allem lag der beißende Geruch einer öligen Brühe, die aus dem Untergeschoss die Treppen hochschwappte und im Erdgeschoss alles überschwemmte. In der Schleuse hockten vier Menschen, die ins Gebäude geflüchtet waren. Schmidt hatte ihnen versichert: „Hier sind Sie sicher.“ Was tun? Er beschloss: evakuieren.

Dramatische Szenen aus dem Südkreis von Euskirchen, einem der Gebiete, die extrem vom Hochwasser betroffen waren. Im Schleidener Tal verwandelten sich die Bäche Urft und Olef in reißende Gewässer, zerstörten Häuser, Industrieanlagen, Kirchen – und eine Polizeiwache. Alles. Die Nacht hat bei Polizistinnen und Polizisten in Nordrhein-Westfalen Bilder hinterlassen, die sich eingebrannt haben. Tausende waren gemeinsam mit Feuerwehren und dem THW in den Krisengebieten unterwegs, unterstützt von Bereitschaftspolizeihundertschaften, Tauchern und Höheninterventionsteams. „Trotz der widrigen Umstände konnten sich die Bürger stets auf die Polizei verlassen“, lobt Innenminister Herbert Reul. Auch auf die Beamten in Schleiden, die inzwischen in 24 Container umgezogen sind.

Acht Wochen nach der Katastrophe trifft die „Streife“ den Polizeibeamten Schmidt, der jetzt gegen den Lärm von Presslufthämmern anspricht. Handwerker stemmen Wände auf, weil der Öltank geborsten ist. Im Treppenhaus stehen Sperrholzwände, damit keine Diesel-Schwaden mehr in die Wachstube wabern. Im Zellentrakt brummen Trocknungsgeräte. Küche, Spinde, Möbel, Uniformen, mehrere Streifenwagen waren Schrott.

Die „Wetter-Apokalypse“ ist noch überall präsent. Schmidt geht ins Wachzimmer, wo er saß, als das Chaos über ihn hereinbrach: Telefone klingelten nonstop, das Funkgerät knarzte pausenlos. Acht Kollegen waren mit vier Streifenwagen draußen:

  • Wir brauchen schweres Gerät.

  • Wir brauchen Pumpen.

  • Wir brauchen Leitern.

Irgendwann fiel der Notruf 112 der Feuerwehr aus. Als das Notstromaggregat der Wache im Wasser versank, erreichte selbst Schmidt die Leitstelle in Euskirchen nur noch über sein privates D1-Netz-Handy. Dort gingen in der Spitze 80 Hilferufe pro Minute ein.

„Ich habe hier nur die Stellung gehalten, meine Kollegen haben ihr Leben aufs Spiel gesetzt“, blickt Schmidt auf die dramatischen Stunden zurück. Er kann immer noch nicht fassen, was passiert ist. „Im Nachbarort klammerte sich ein Mann an einen Baum. Kollegen wollten ihn gerade packen, dann kam eine Welle.“ Es gibt viele solcher Berichte: Menschen, die in Betten und Autos ertranken. Leichen in Bäumen und Schleusen. Familien, die alles verloren haben. „In 46 Dienstjahren habe ich so was noch nicht erlebt. Es ist schrecklich, den Naturgewalten hilflos ausgesetzt zu sein“, sagt Schmidt.

Hinter der Wache liegt eine grüne Wiese. Dahinter plätschert zwischen umgeknickten Bäumen und Büschen das Flüsschen Olef wieder in seinem Bett – ein Rinnsal, mehr nicht. Die Sonne scheint und man könnte meinen, alles war nur ein Alptraum, wären da nicht die Not-Büros für 39 Beamtinnen und Beamte, die hier im Bezirks- und Wachdienst arbeiten, im Containerdorf.

Schmidt zeigt auf die Hauswand: „So hoch stand das Wasser.“ Nach der Katastrophennacht haben er und seine Kollegen zunächst Dienst in einem VW-Bulli geschoben. Ein neuer Sendemast wurde aufgestellt, damit Funk und Telefon funktionieren. Inzwischen gibt es wieder einen Wachraum. Auf einem Schreibtisch prustet die Kaffeemaschine. Radiatoren ersetzen die Heizung. Ein Kommissar tippt einen Unfallbericht auf einem von vier Rechnern, die noch laufen. Polizeiarbeit im Notbetrieb, aber es geht.

 

Ortswechsel: die Kreispolizeibehörde Euskirchen, 32 Kilometer von Schleiden entfernt.

Zum Bezirk gehören auch die Außenstellen Bad Münstereifel und Kall. Dort wüteten die Flüsse Erft und Urft. Im ersten Stock in Euskirchen gibt Polizeidirektor Harald Mertens einen Lagebericht: „Zum Glück kehrt langsam wieder Normalität ein, weil wir viel Hilfe vom Landesamt für Zentrale Polizeiliche Dienste bekommen.“ Es ist Mitte September. Vor einer Woche wurde der Kreis-Krisenstab aufgelöst. Mertens Leute fahren trotzdem verstärkt Streife: „Viele Gebäude sind ungesichert. Es gab Einbrüche.“ Auch Trickbetrüger sind unterwegs, verkaufen etwa Wohnmobile gegen Vorkasse. Geliefert wird nie. Mertens sagt ernst: „An den Folgen werden wir noch lange zu knacken haben.“ Und meint nicht den Sachschaden. „Hier waren Zustände wie im Krieg. Die psychische Belastung ist extrem – dienstlich und privat.“

 

Wisskirchen, ein Vorort von Euskirchen, 870 Einwohner:

In der Nacht, als Jörg Schmidt in Schleiden die Flut-Flüchtlinge aus der Schleuse im Erdgeschoss in Sicherheit brachte, stand seine Kollegin Adelheid Vaas (60) zu Hause im Obergeschoss und betete: „Bitte, lieber Gott, lass das Wasser nicht weitersteigen.“ Die Kriminalhauptkommissarin wohnt in einer schmalen Gasse mit Fachwerkhäusern. Dort gaben sich die Nachbarn Lichtsignale mit Taschenlampen. Rufen hatte keinen Sinn, denn zwischen den Haustüren stürzte der Veybach gen Tal.

Vaas ist seit 41 Jahren bei der Polizei, bearbeitet Sexualstraftaten. Sie sagt: „Ich habe meine Arbeit nie mit nach Hause genommen. Aber als es neulich regnete, war mein Zuhause plötzlich mit bei mir im Büro.“ Der Regen löste Flashbacks in ihr aus, brachte die Bilder der Flutnacht zurück: das Wasser, das aus ihrem Badabfluss hochschoss wie ein Springbrunnen. Der Blick durch die Terrassentür, vor der das Wasser stand, als würde man in ein Aquarium schauen. Berstende Glasscheiben, Schlammmassen, die sich durchs Wohnzimmer wälzten. Ihr Hund, der am ganzen Körper zitterte.

Sie und ihr Mann sind ins Schlafzimmer im ersten Stock geflüchtet. Sie hörten, wie unten die Möbel gegen die Wände knallten. Es war stockdunkel. Irgendwann hat sie gesagt: „Komm, wir gehen schlafen.“ Wenn Vaas die Geschichte erzählt, erntet sie ungläubige Blicke. Sie antwortet: „Ich hatte am nächsten Tag Dienst und wusste, da ist bestimmt die Hölle los.“

Am Morgen war das Wasser zurückgegangen. Also ist sie auf ihr Rad gestiegen und zum Dienst gefahren – so wie über 3.000 Kollegen in 25 Städten und Landkreisen, die in den Regierungsbezirken Köln, Düsseldorf und Arnsberg selbst vom Hochwasser betroffen waren. Noch immer hängen dort Plakate: „Wir danken allen Helfern.“ Auch Vaas sagt Danke: „Kollegen haben für mich gekocht, meine Wäsche gewaschen, sogar das Haus entrümpelt. Es war überwältigend.“

Da gehörte sie selbst schon zum 45-köpfigen Ermittlungsteam der Polizei Köln, das Vermisstenanzeigen bearbeitete. Im Landkreis Euskirchen starben 27 Menschen. „Einmal rief eine Mutter an, die ihren Sohn suchte. Ich habe ihn später in der Leichenhalle identifiziert. Das war das Schlimmste überhaupt“, erzählt Vaas, die heute in einer möblierten Zweizimmerwohnung lebt.

Wie schafft sie das alles? Sie sagt gefasst: „Klar gibt es mal Tränen, aber das Wichtigste ist doch: Wir leben noch.“ Ihre Tochter und ihr acht Monate altes Enkelkind wurden rechtzeitig ins Feuerwehrgerätehaus gebracht. Darüber spricht sie lieber als über die Zerstörung bei ihr zu Hause: „Überall Glasscherben.“ „Es stinkt.“ „Alle Fotoalben weg.“ Vaas wechselt das Thema: „Stellen Sie sich vor, unser Vermieter will keinen Cent Miete für sein Apartment.“ Und was noch schöner ist: „Die Wohnung liegt unterm Dach. Da fühle ich mich sicher.“ Jetzt lächelt Vaas sogar.

 

Heimerzheim, 6.600 Einwohner, Rhein-Sieg-Kreis, 20 Kilometer entfernt:

Am Tag, als Adelheid Vaas zwei Kollegen zu der Mutter schickte, die ihren Sohn verloren hatte, wäre Polizeihauptkommissar Patrick Reichelt (46) beinahe auf einem Parkplatz ertrunken.

An der Ecke Quellenstraße und Pützgasse strahlt die weiß verputzte Fassade eines Neubaus in der Sonne. In der Nähe schlängelt sich die Swift friedlich durch grüne Auen. Es ist still für einen Vormittag, zu still, denn rechts und links des Flüsschens wohnt niemand mehr. Die Grundschule, der Kindergarten, ein Bauernhof, Restaurants, Geschäfte: alles zerstört, alles leer.

Der modrige Geruch von feuchtem Holz liegt in der Luft. Auch der Neubau ist eigentlich nur noch eine Ruine. Einsturzgefahr. Am 15. Juli hat Reichelt hier drei Menschen, eine Katze und einen Hund rausgeholt. Er ist Taucher bei der Technischen Einsatzeinheit (TEE) und bildet auch Bootsführer für Spezialeinsatzkommandos (SE) aus. Deshalb kann ihn Wasser eigentlich nicht schrecken. Doch an dem Tag ist er an seine Grenzen gekommen.

Seit dem frühen Morgen kämpfte er sich mit seinem Boot durch die Fluten. An Mauern und Häusern sieht man bis in zwei Meter Höhe noch Risse, die sein 15-PS-AußenmotorPropeller in die Wände geschlagen hat. „Die Strömung hat mich immer wieder weggedrückt von den Menschen, die im ersten Stock auf Hilfe warteten“, erzählt Reichelt. Fragt man ihn, wie viele Menschen er in Sicherheit gebracht hat, sagt er: „Keine Ahnung, in solchen Situationen funktioniert man nur.“ So wie alle Kollegen aus der TEE: Frank, Olaf, Dirk und wie sie alle heißen. Ihre Nachnamen wollen sie nicht nennen, nur erzählen: Wie sie mit Sonderwagen durch Stromschnellen pflügten, zu Orten, die Laster von Feuerwehr, Bundeswehr und THW nicht mehr erreichten. Oder wie sich die Kletterer an Dachrinnen hochhangelten, um Pflegebedürftige, Kinder und Familien rauszuholen, die oft nur einen Schlafanzug trugen.

„Notfall in der Quellenstraße. Person Mitte 40 mit Atemnot.“ Als das analoge Funkgerät knarzte, drehte Hauptkommissar Reichelt sein Boot bergabwärts, Richtung Fluss. Er kennt sich in Heimerzheim aus, weil er selbst dort wohnt. Gemeinsam mit einem Kletterer und einem Feuerwehrmann entschied er, über den Parkplatz zum Eingang des Neubaus zu waten. Was sie nicht sahen: Die Swift hatte ein Loch in die Pflastersteine gerissen und sich einen Weg unter der Bodenplatte gebahnt. Dort wirbelte das Wasser herein wie in einen Abfluss und riss Reichelt mit. Er erinnert sich nur noch, dass er seinen Arm in die Höhe riss. Die Kollegen packten ihn und zogen ihn raus. Rettung in letzter Sekunde.

Was wäre, wenn sie ihn verfehlt hätten? „In solchen Situationen denkt man nur an die Menschen“, sagt Reichelt und zeigt auf eine Dachterrasse im zweiten Stock. Von da wurden die Bewohner schließlich mit Hubschraubern ausgeflogen. Mehr als 42-mal hob die Polizeifliegerstaffel während der Flutkatastrophe ab, rettete Menschen mit Winden aus Flüssen und von Dächern oder machte Videoaufnahmen von oben.

In dringenden Fällen: Polizeinotruf 110